Von Reinhard Baumgart

Was trieb mir nur, als ich diesen Band las, dessen unerschrockene Munterkeit, Gescheitheit, also Anregungspotential doch nicht zu wünschen übrig lassen, trotzdem ständig dieses Flimmern in den Kopf, eine Blendung vor die Augen, was löste dann immer öfter Gähnzwang aus? Lag es am Autor oder doch eher an mir? Zugegeben: wir – damit meine ich den Geburtsjahrgang 1929 und seine nähere Umgebung –, auch wir also sind im Lauf der Zeit eine sogenannte ältere Generation geworden. Dabei wird man doch müde, ein wenig, vielleicht sogar traurig, aber auch uns fällt es schwer, das einzugestehen oder gar öffentlich zuzugeben. Ehemalige Hoffnungen nennen wir lieber, wie jede historisch bekannte ältere Generation vor uns, verlorene Illusionen oder, feiner, falsche theoretische Ansätze. Jetzt, so bilden wir uns ein und sagen das auch, jetzt sehen wir endlich die Realität, wie sie ist, vielleicht beschissen, aber doch handfest, real, und sie bewegt sich, falls überhaupt noch, ins Unverhoffte.

Auch dürfte es nicht singulär und höchstpersönlich an Hans Magnus Enzensberger liegen und also kaum seine Schuld sein, wenn sich seit den sechziger Jahren die sogenannten Verhältnisse tatsächlich derart entwickelt haben, daß sogenannter kritischer Geist sie kaum noch berührt, geschweige denn sich einbilden dürfte, sie "zum Tanzen zu bringen", Sie zu revolutionieren oder auch nur zu verändern. Damals, zum Beispiel 1962, machte Bescheidwissen und Rechthaben in allen "Einzelheiten" dem Polemiker Hans Magnus Enzensberger und seinen Lesern auch deshalb Spaß, weil jede Analyse, Definition, ja bloße Formulierungen mitgetrieben wurden von der Hoffnung (oder eben Illusion), daß der schreibende Intellektuelle mehr wäre als nur ein Schiedsrichter, daß er den Spielverlauf mitbeeinflussen müßte und auch könnte kraft eines "eingreifenden Denkens".

Was uns Hans Magnus Enzensberger dagegen nun vorführt, ist ein zugleich müdes und munteres, ein wahrhaft zuschauendes Denken. Der Veränderung unserer Verhältnisse zum (scheinbar oder wirklich) Unveränderlichen gibt er nicht nur immer geschmeidiger und beflissener nach, sondern tut das auch mit einer so unverwüstlichen wie unheilbaren Fröhlichkeit. Klar: die soll reizen. Mehr als nur ein bißchen durchschimmern läßt unser Autor zwar, daß ihn die seinen alten Hoffnungen so gründlich entkommene neue Bundesrepublik nicht gerade begeistert mit ihren "sekundären Analphabeten", dem "Nullmedium" Fernsehen, der Verdrängung von Literatur zum Nischenerlebnis oder einem aller sozialen Wirklichkeit enthobenen Parteienleben. Aber wie diese Gesellschaft seinen Hoffnungen entkommen ist, die schiere Folgerichtigkeit dieser Entwicklung von Apo zu Kohl, die überwältigt ihn immer wieder. Irgendwann, vermute ich, muß Enzensberger auf den handfestesten Hegelianismus eine Art dumpfen Fahneneid geschworen haben, also: was ist, ist vernünftig. Und wenn, was ist, sich erkennen ließe als Stumpfsinn?

"Bitte glauben Sie nicht, daß mir daran gelegen wäre, gegen einen Zustand zu polemisieren, dessen Unvermeidlichkeit mir einleuchtet; ich gedenke ihn auch nicht zu bejammern ..." –, derlei bittere Beteuerungen sind hier, in wie zwischen den Zeilen, tonangebend. Enzensberger schluckt Kröten, als wären es Froschschenkel. Alle Polemik nämlich, alle Jammerei, etwa gar im Namen irgendwelcher altabendländisch humanistischen Wertvorstellungen, wäre angesichts unvermeidlicher Zustände, ob des Fernsehens, des Waldes oder der Bonner Politik, ahnungsloser, verblasener Idealismus, Spinnerei, eben "Wahn", wie der Titelessay das bündig nennt.

Auf solchen Wahn sind, wie auch unser Autor weiß, außer Politikern und Terroristen, aus Berufsgründen vor allem Intellektuelle, speziell literarische, angewiesen. Und die wollen sich am allerwenigsten abfinden mit etwas, womit sich Enzensberger in der neuesten Sammlung seiner Lebhaftigkeiten am allerfröhlichsten und allerausführlichsten abfindet: Mit jenem "Mittelmaß", auf das er die menschlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen wie politischen Zustände in der Bundesrepublik derart hoffnungslos herunter- oder vielmehr hinaufgekommen sieht, daß er darin schon einen geschichtlichen Endzustand zu erkennen scheint. Der allgegenwärtige Kleinbürger, Hahn im Warenkorb, mobil im Berufsleben, scheint so realitätssüchtig wie zufrieden, wunschlos im kaum noch Unglück. Folglich: rien ne va plus, Endlage, Nullpunkt, tote Hose.

Im preußischen Staat sollte sich für Hegel, in einer kommunistischen Gesellschaft für seine Linksabweicher die Geschichtsvernunft realisieren und vollenden. Enzensberger aber scheint weder ein Rechts- noch ein Linkshegelianer, sondern ein materialistischer Nullhegelianer. Im schlimmsten Fall bestimmt eben das Sein das Bewußtsein bis zur Bewußtlosigkeit. Denn entweder auf Alles oder eben auf Nichts muß er immer noch, wie damals in kulturrevolutionärer Emphase, alle seine Thesen hochpointieren. So wird per Hochrechnung aus jedem bundesrepublikanischen Achtzigerjahre-Augenblicksbefund eine Epochendiagnose, ja möglichst ein Modell für ein Ende aller Zeiten. Das Abendland, als spätchristlich oder späthegelianisch, spukt eben doch noch mächtig im scheinbar von aller Ideologie gereinigten Kopf dieses Kulturkritikers.