Ein Brief an die Lieben daheim. Frankfurt, den 18. März 1793. "Gnädigste Tante! Was soll ich Ihnen zuerst beschreiben, zuerst erzählen?" Es hat schon viel zu sehen gegeben auf der Reise von der Oder an den Main: den Gedenkstein bei Lützen, "welcher uns an den großen meuchelmördrisch gefallenen Gustav Adolph erinnerte", und im Posthaus zu Rippach den Stuhl, "auf welchen Friedrich nach der Bataille von Roßbach ausruhte". Im Thüringer Wald, "im tiefsten Gebürge", war die Kutsche von einem Wegelagerer belästigt worden, und in Fulda hatte man Station gemacht: "die schönste, nein die angenehmste Stadt die ich je gesehen – (doch ich entsinne mich Ihnen Leipzig als die schönste angepriesen zu haben...)" Etwas zerstreut scheint er zu sein, der junge Reisende, aber die Aufregung kann man verstehen: Gerade erst ist die Mutter gestorben, beerdigt worden in Frankfurt an der Oder, und jetzt geht es zum Regiment zurück, das heißt nach vorn – an die Front. "Gott sey Dank daß es nicht mehr lange dauern wird, denn wir marschiren Donnerstag oder Freytag (d. 21t oder 22t) ganz gewiß. Vier Esquadrons von Götz haben eine französische Batterie von 18 Canonen bei Rüremonde erobert... Die Franzosen oder vielmehr das Räubergesindel wird jezt aller wärts geklopft..."

Wußte er, wo er war? Worum es ging? Was das für Franzosen waren? Was dort, just an diesem 18. März 1793 geschah – am anderen Ufer des Rheins, in der ehrwürdigen Stadt Mainz? Ach, er war ja noch ein Kind, ein fünfzehnjähriges preußisches Zinnsoldätchen, in die blaue Uniform gegossen, und schon ganz, ganz comme il faut: "Allen meinen Angehörigen ... bitte ich meine Empfehlung zu machen, und mit der Bitte, ja meinen Mischmasch von Brief nicht zu kritisieren und genau zu betrachten, habe ich die Ehre mit der schuldigsten Ehrfurcht und aufrichtigsten Liebe mich zu nennen – Gnädigstes Tantchen – Ihr gehorsamer Knecht Heinrich v. Kl."

Der 18. März 1793 – was für ein Tag! Und doch verbindet keiner von uns heutigen irgendeine historische Erinnerung daran, einen Namen, ein Bild. Ein Datum, ein Ereignis, ausradiert, ausgelöscht, vergessen – vergessen gemacht von über anderthalb Jahrhunderten chauvinistischer Geschichtsschreibung, dummdeutscher Nationalpropaganda in Hörsälen und Klassenzimmern.

Dabei waren die Mainzer Ereignisse dieses Märztages, an dem der junge Gefreiter-Korporal von Kleist seinen Rapport nachhause erstattete, nur der Höhepunkt eines einzigartigen Experiments der deutschen, der europäischen Geschichte, das schon einige Monate zuvor, im Oktober 1792, seinen Anfang genommen hatte. Des Versuchs nämlich, den französischen (oder wie man damals sagte: "fränkischen") Freiheitsbaum auch in die deutsche Erde zu pflanzen und – sozusagen nach der gelungenen Einführung der Kartoffel – auch die allgemeinen Menschenrechte auf Freiheit und Gleichheit in diesem Land, trotz des widrigen Klimas, endlich heimisch zu machen.

Am Morgen des 18. März nun, einem Montag, wurde sie verkündet, vom ersten mehr oder weniger frei gewählten "rheinisch-deutschen Nationalkonvent" in Mainz, im Saal des ehemaligen Deutschordenshauses am Rhein, welches der Kurfürst und Erzbischof erst fünfzig Jahre zuvor neu erbaut hatte (und in dem heute, zweihundert Jahre danach, der rheinland-pfälzische Landtag berät): die erste Republik auf deutschem Boden.

"Die Repräsentanten des freien deutschen Volkes", protokollierte Die neue Mainzer Zeitung den ungeheuren Akt, "durchdrungen vom Hochgefühl ihrer Würde, erhoben sich von ihren Sitzen und erklärten feierlich die Souveränität des deutschen Volkes." Ein Dekret wurde erlassen, dessen erster Artikel verkündete, daß "der ganze Strich Landes von Landau bis Bingen ... von jetzt an einen freyen, unabhängigen, unzertrennlichen Staat ausmachen" solle, der "gemeinschaftlichen, auf Freiheit und Gleichheit gegründeten Gesetzen gehorcht". Der Mainzer Kurfürst aber und die anderen Duodezmoguln dieses Teils des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation wurden aller "Ansprüche auf diesen Staat" verlustig erklärt (Artikel 3): "Alle ihre durch Usurpation angemaßten Souverainitätsrechte" seien "auf ewig erloschen". Dreißig Kanonenschüsse, so konnte am nächsten Tag in der Zeitung nachlesen, wer es nicht gehört hatte, "verkündigten auf der Stelle dem Volk diesen ersten Akt der deutschen Volkssouveränität".

Dreißig Kanonenschüsse für die erste deutsche Republik – unter dem Schirm französischer Waffen. Alle wissen: Allein, auf sich gestellt, gegen den Rest des Reiches, hat sie keine Chance. Drei Tage später schon stimmt der Konvent für den Anschluß an die Frankenrepublik; die Bataillone des Ancien Regime jenseits des Rheins sind bedrohlich nah an die Stadt herangerückt...