Wenn der bundesdeutsche Tourist in die euphemistisch mit dem Sammelbegriff „Ostblock“ bezeichneten Länder fährt, dann schwingt in diesem Unternehmen immer etwas Abenteuerhaftes mit. Faszinierend und gleichsam beängstigend sind die Gesellschaften hinter dem „Eisernen Vorhang“, zumindest hinter den Kulissen, die der Fremdenverkehr nutzt. Um beispielsweise ein Land wie Ungarn etwas intensiver zu erleben, bedarf es größerer – unter anderem auch intellektueller – Anstrengungen als bei einer Reise durch Westeuropa. Dabei gehört Ungarn zweifelsohne zu den offensten Reiseländern Osteuropas. Seine Sprache und Kultur sind allerdings nur einer begrenzten Zahl von Experten zugänglich. Eine realistische Wahrnehmung des Landes erfordert historische und politische Kenntnisse.

Der Bremer Ökonom Hubertus Knabe faßt in seinem mehr als 400 Seiten starken Buch zusammen, was nach seiner Meinung für eine Ungarnreise hilfreich sein kann. Die imponierenden Detailkenntnisse des Autors und die Sicherheit, mit der er sich in seinem Thema bewegt, machen den Band selbst für einen gebürtigen Ungarn aufschlußreich, er bekommt sogar Lust, die eigene Heimat erneut zu erkunden. Beispielsweise erfährt man, daß es möglich ist, in Budapest Kontakt mit den Vertretern der demokratischen Opposition aufzunehmen (Adressen und Telephonnummern in der Rubrik „Medien“). Interessant auch zu wissen, daß von Budapest aus Reiterferien zu organisieren sind.

Die historisch-politischen Kapitel werden den Tatsachen gerecht, trotz gelegentlich wohl unumgänglicher Vereinfachungen und einer mitunter etwas frivolen Darstellung. Allerdings bleibt anzumerken, daß seit Abschluß des Manuskripts erdrutschartige Veränderungen im öffentlichen Leben des Landes stattgefunden haben. Seit Ende der Ära Kádár ist das politische Spektrum um etliches weiter geworden. Es ist dem Autor als Verdienst anzurechnen, daß er versucht, mit Klischees über den „Gulaschkommunismus“ oder die „lustigste Baracke des sozialistischen Lagers“ aufzuräumen. Knabe, der zwei Jahre in Budapest gelebt hat, hält sich nicht mit der oberflächlichen Beschreibung von Sehenswürdigkeiten auf, sondern beschreibt auch das soziale Umfeld und die Hintergründe dessen, was sich einem Besucher augenfällig darbietet. Gewiß kann ein kleines Wörterbuch hilfreich sein, das den Touristen mit einem Minimalwortschatz des Ungarischen vertraut macht, aufschlußreich ist auch die Rubrik „Wissenswertes von A bis Z“ (Von Aids bis Zigeuner). Vielleicht wirkt die Gesamtdarstellung etwas verwirrend auf den Leser. Doch Ungarn hat in der Tat mitunter chaotische Züge – nicht nur für den Fremden, sondern auch für die Ungarn selbst.

Wer den reich bebilderten Band durchsieht, sollte sein Augenmerk auf die Photos von Barbara Metselaar-Berthold richten. Die aus der DDR stammende Photographin vermittelt mit ihren Genrebildern viel von der Atmosphäre des Budapester Alltags: jene bedrückende Gemütlichkeit oder sich heiter gebende Melancholie, die besonders in den zurückliegenden Jahrzehnten zum festen Bestandteil des nationalen Lebensgefühls geworden sind. György Dalos

„Anders reisen. Ungarn. Ein Reisebuch in den Alltag“; Hubertus Knabe; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1988; 19,80 Mark