In der letzten Woche ist ein erschreckend unmenschlicher Satz bekannt geworden: Ein Mensch hat einen Mitmenschen „gnadenunwürdig“ genannt. Der oberste Strafverfolger der Republik, der Generalstaatsanwalt Kurt Rebmann, hat so über den seit Jahren inhaftierten Peter-Jürgen Boock geurteilt, der ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten gerichtet. hat. Ist uns wirklich jedes Gespür dafür verloren gegangen, was „Gnade“, auch in einem säkularisierten Staat, bedeuten kann? Im „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm darf das Wort sechzig Spalten fordern – und so seine Wichtigkeit beweisen. Hier ein kleiner Auszug – auch, um die Diskussion über die Begnadigung besser verständlich zu machen. Wie sagt Jupiter in Kleists „Amphitryon“? „Ob du der Gnade wert, ob nicht, kömmt nicht/Zu prüfen dir zu...“ R.M.

GNADE, nordisch und westgermanisch (mit Ausnahme des Englischen) belegt. Althochdeutsch: gi-näda. humanitas, misericordia, miseratio. Mittelniederdeutsch: g(e)näde, Gnade, Gunst, guter Wille, Privileg. Mittelniederländisch: genäde, Gnade, Gunst, auch Ruhe, Bequemlichkeit, Hilfe, Willkür, Demut, Dankbarkeit. Altnordisch: nädir, Gnade, Sorge für, Hilfe, im Plural: Ruhe, Frieden. Altschwedisch: nath, meistens Plural: nathir, Ruhe, Freude, Vorteil, Glück, Hilfe, Schutz, Gunst, Gnade, Willkür.

Die germanischen und deutschen Verhältnisse machen die Annahme einer Grundbedeutung „sich niederlassen“, „sich neigen“ am wahrscheinlichsten. Der älteste germanische Bestand ist offenbar die Bedeutung „Ruhe“, entstanden aus der Bedeutung ungestörte Lage, Friede.

Schwierig ist die Frage des Plurals, der seit dem Althochdeutschen für die christliche Gnade häufig gebraucht wird. Es ist grundsätzlich zu scheiden zwischen der Gnade ( charis, gratia), der Huld Gottes, durch die der Mensch aus dem Stand der Sündhaftigkeit in den der Gotteskindschaft erhoben wird, und den Gnaden, den einzelnen Gnadenerweisungen und Gnadenangaben, durch die Menschen Hilfe für Leib und Seele zuteil wird.

Die Bedeutungsentwicklung des Wortes Gnade ist innerhalb der deutschen Sprache von dem Inhalt des christlichen Gnade-Begriffes bestimmt. Gnade ist ein Wort der süddeutschen Mission. Einzig die Bedeutung „Ruhe“, „Glück“ geht mit einiger Sicherheit auf vorchristlichen Gebrauch zurück. In der Bedeutung Ruhe, Untätigkeit, auf das Innere bezogen: innere Ruhe und daraus entspringende Befriedigung, Glück(seligkeit) finden wir Gnade schon in der „Genesis“:

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