Von Herfried Münkler

Gibt es ein durchgängiges Charakteristikum der politischen Schriften Machiavellis, so ist dies der Bruch mit den Grundüberzeugungen des Humanismus: Gegen die Vorstellung von der unbegrenzten Bildungsfähigkeit des Menschen setzt Machiavelli die These, der Mensch sei wankelmütig, feige und schlecht, und im Gegensatz zu dem politisch-philosophischen Programm des Humanismus, wonach ein Mittelweg zwischen den Extremen gefunden werden müsse, fordert er, man müsse sich für eines der Extreme entscheiden, weil es keinen Mittelweg gebe.

Daß Machiavelli nicht nur in politisch-inhaltlichen, sondern auch in stilistisch-formalen Fragen mit dem Humanismus gebrochen hat, zeigen seine Briefe. Erwuchs der humanistische, am Vorbild Ciceros geschulte Briefstil aus der Überzeugung, jedem Bericht, jeder Überlegung müsse eine exemplarische Bedeutung zukommen, was zur Folge hatte, daß sich die Briefe weniger an den Adressaten als an die Nachwelt wandten, so wendet sich Machiavelli ganz direkt an seine Briefpartner: Euphorie und Depression, Gewöhnliches und Außergewöhnliches, Politisches wie Privates treten hier unmittelbar zutage, ungeschönt, fast immer ohne jede moralische Note.

Das hat zur Folge gehabt, daß man bis in unsere Tage manchen der Briefe Machiavellis ob seiner brutalen Offenheit lieber nicht zur Kenntnis nehmen wollte: Etwa den, in dem er von einem Liebesabenteuer in einer Souterrainwohnung berichtet, die so dunkel ist, daß er die ihm von einer Kupplerin zugeführte Prostituierte nicht sehen kann; dann aber fällt kurz ein Lichtstrahl in den Raum, er sieht die Häßlichkeit der Frau, die er so minuziös beschreibt, als wolle er den Leser an seinem Ekel teilhaben lassen, und er erspart es sich und seinen Lesern nicht zu beschreiben, wie er sich auf der Stelle übergeben mußte. Ein bis ins Extrem getriebener Antihumanismus. Doch auch für diesen Brief wie für alle Briefe Machiavellis gilt, was Nietzsche über den Stil des „Principe“ gesagt hat: Er lasse die trockene, feine Luft von Florenz atmen und trage die ernstesten Angelegenheiten in einem unbändigen Allegrissimo vor.

Friederike Hausmann hat eine Anzahl von Machiavellis Briefen jetzt neu übersetzt und herausgegeben, versehen mit ausführlichen Kommentaren zum Renaissanceleben „zwischen Landgut und Piazza“ und illustriert mit zahlreichen Abbildungen, die Akteure und Szenen ins Bild setzen. Was so entstanden ist, ist eine leicht verständliche Einführung in die Florentiner Sozialgeschichte des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, aber zugleich auch eine kurze Biographie Machiavellis, der hier einmal nicht im Spiegel seiner Schriften als politischer Theoretiker, kurzum als einer von vielen sichtbar wird: einmal voller Hoffnung, dann wieder zutiefst resigniert, eben noch voll Groll, dann wieder ganz selbstzufrieden, fest entschlossen, der Politik endgültig den Rücken zu kehren und dann wieder begierig auf alle politischen Neuigkeiten.

Bei der Auswahl der Briefe hat Friederike Hausmann sich vor allem auf die nach 1512, nach Machiavellis Amtsenthebung entstandenen konzentriert; weggelassen hat sie die Briefe, die Machiavelli als Diplomat und Gesandter der Republik verfaßt hat: aus Frankreich, vom Hof Kaiser Maximilians, aus dem Feldlager Cesare Borgias; weiterhin sind jene Briefe, in denen sich Machiavelli nach 1512 im Austausch mit Vettori und Guicciardini vor allem mit (außen-) politischen Fragen beschäftigt hat, nicht in die Sammlung aufgenommen worden. Es handelt sich also um eine Auswahl der Briefe Machiavellis, aber diese Auswahl läßt sich gut begründen: Durch sie erst, durch die weitgehende Ausblendung von Machiavellis politischer Obsession, wird sichtbar, wie bunt und präzise zugleich Machiavelli den toskanischen Alltag zu Beginn des 16. Jahrhunderts beschrieben hat. Er hat die Welt nicht aufs Politische reduziert. Und sichtbar wird hier auch, daß er mehr von wirtschaftlichen Dingen verstanden hat als dies seine ausdrücklichen Einlassungen vermuten lassen.

  • Friederike Hausmann: