Ein Mann zog seine Bahn: Hundert Meter in 9,79 Sekunden. Nie zuvor war ein Mensch schneller gelaufen als der Kanadier Ben Johnson am Samstag im Finale der kurzen Sprintstrecke bei den Olympischen Spielen in Seoul. Dies war ein Sprint ins Geschichtsbuch – und zurück. Denn Ben Johnson wurde alsbald des Dopings überführt.

Der Rekord war ein Rekord mit Nachhilfe der chemischen Industrie. Die 9,79 Sekunden verflüchtigten sich in Null Komma nichts, und in Rekordzeit sahen sich – siehe Seiten 12 und 95 – auch die Chronisten der Ruhmestat überholt, die über Nacht zum Delikt wurde. Ben Johnson hat alle Lügen gestraft, die in der Euphorie des Augenblicks die Kraft seiner Beine besangen.

Nun ist er ein Opfer seiner selbst geworden, ein Opfer des Ehrgeizes, dem die alltägliche Versuchung des heutigen Leistungssportlers, mit dem Griff zur Pille oder zur Spritze zu erkaufen, was natürlicherweise nicht zu haben ist, freilich unwiderstehlich erschienen sein muß. Die Karriere des Ben Johnson ist zu Ende. Die Frage bleibt: Wäre er ohne die anabolen Steroide überhaupt so weit gekommen?

Wir können sagen, wir hätten doch längst gewußt, daß im Sport mit Falschgold gehandelt wird. Warum also die Aufregung? Vielleicht einfach deshalb, weil wir trozt allem gern an der altmodischen Übung festhalten möchten, nach wie vor jeden Athleten und jede Athletin für eine ehrlich trainierte Haut zu halten – bis zum unerfreulichen Beweis des Gegenteils. A.B.