Von Norbert Grob

In seinem Tagebuchfilm „Reverse Angle – New York City, March 1982“ spricht Wim Wenders von einer „neuen bilderfeindlichen Zeit“, auch von einer „Zeit feindlicher Bilder“. Besonders die amerikanischen Filme sähen immer mehr aus „wie ihre eigenen Reklametrailer“. Sie neigten dazu, „zur Werbung für sich selbst zu werden“. Was zu einer Invasion und Inflation sinnentleerter Bilder führe.

Lust am Schauen, Lust auf Bilder habe er – „nach Tagen voller Blindheit“ – erst wieder empfunden, als er Emanuel Boves Roman „Meine Freunde“ mit seinem Respekt vor Details gelesen und Edward Hoppers Gemälde gesehen habe. Da sei ihm in Erinnerung gekommen, „daß auch die Kamera so behutsam beschreiben kann, so daß die Dinge im rechten Licht erscheinen können: wie sie sind.“

Der Flut beliebiger, willkürlicher Bilder, die geordnet sind nach den Erfordernissen des Geschäfts (in der Werbung), der Zerstreuung (im Fernsehen) und der Simulation (im Unterhaltungskino), setzte Wenders von Anfang an die Reduktion auf das Einfache entgegen: die Faszination, die ausgeht von Bildern, die noch auf etwas aufmerksam machen, sei es auch noch so alltäglich. Seine Utopie von Kino lautet: Transparenz. Die kurzen Momente der wahren Empfindung ganz selbstverständlich präsentiert.

Diesseits austauschbarer Bilder, die „Gift für die Augen“ sind, liegt für Wenders das Reich der einfachen, doch genauen Beobachtung. Auch in „Reverse Angle“ gibt es drei, vier visionäre Einstellungen, die verdeutlichen, worum es ihm eigentlich geht: Da ist das Flugzeug, das am Himmel eine Linie zieht. Das Taxi, das durch den Dampf gleitet, der aus den Gullis kommt. Eine Straßenecke bei Nacht, wo an einem der Häuser hell die Reklameschrift leuchtet „Howard Johnson’s Icecream“. Und da ist die Frau, die am Fenster sitzt, wartend, dabei auf den Himmel und den Park schaut und „die Zeit verstreichen“ läßt.

Das Mysterium der Bilder

Ein Mensch vorm geöffneten Fenster, hinaus in die Welt blickend: Das ist die Metapher, die Wenders’ Kinoarbeit am deutlichsten charakterisiert, seinen Umgang mit Bildern, auch seine Moral beim Bildermachen.