Von Peter Schneider

Ein bißchen wundern darf man sich schon. Nach den geistigen Aufbrüchen der sechziger und siebziger Jahre, die eher in weit entfernte Weltgegenden führten, haben einige intelligente Ureinwohner plötzlich Europa wiederentdeckt. In den europäischen Hauptstädten haben Schriftstellertreffen Konjunktur, in denen über „Europa“ gestritten wird. Der nicht mehr ganz junge Star der Debatten scheint jedoch wenig erotischen Appeal zu haben. Er tritt unter seltsamen Künstlernamen auf: „El Espacio cultural europeo“ nannte er sich in Madrid (1985), „Existe-t-il une idendité culturelle européenne?“ in Venedig (1984), zuletzt in Berlin (1988) hieß er: „Ein Traum von Europa“.

Was ist passiert? Woher die plötzliche Neigung zu einer Reise nach innen, zu einem Aufbruch ins Bekannte und Nahe? Sind die Bildungsreisen ins transatlantische Kuba, ins fernöstliche China, nach Algerien, Lybien, Indien zu teuer geworden? Fühlen die Europäer sich plötzlich bedroht? Wittern sie – im Zeitalter von „Glasnost“ und „Perestroika“ – eine historische Chance? Langweilen sie sich ganz einfach?

Ich möchte mit einer These antworten. Die Idee, Europa müßte, falls es Europa gibt, endlich auf irgendeine vernünftige Weise zusammenfinden, ist, historisch betrachtet, selbstverständlich eine Altersidee. Sie gründet sich auf die Erfahrung, daß alle anderen, die „berauschenden“ und „heroischen“ europäischen Träume endgültig ausgeträumt sind: der Traum von der kolonialen Beherrschung der übrigen Welt, der Traum von einer britischen, spanischen, holländischen, französischen und schließlich deutschen Hegemonie, der Traum von einer konkurrenzlosen Ausplünderung. der unterentwickelt gehaltenen Länder.

Von dem letzten und schrecklichsten, dem deutschen Alptraum von Europa hat sich die alte Welt nur durch die Hilfe der nichteuropäischen Völker befreien können. Der Abschied von den europäischen Hegemonialträumen ist leider nicht auf eine vorausgreifende Traumzensur, auf Einsicht und Verzicht, sondern auf den historischen Zusammenbruch dieser Träume zurückzuführen. Ein heutiger, geschichtsbewußter Traum von Europa kommt also eher einem Erwachen gleich als einem Traum. Er verspricht nicht den Rausch, sondern Entzug und Entwöhnung. Er folgt nicht den Gesetzen eines heroischen Aufbruchs, sondern den Zweifeln und Selbstzweifeln von Leuten, die aus Schaden nicht unbedingt klug, aber vorsichtig und des Zuhörens fähig geworden sind.

Meine Traumanalyse bleibt jedoch unvollständig, solange sie nicht jene anderen Träume einschließt, die man die Befreiungs- und Heilträume nennen könnte. Ich meine die Hoffnung vieler, gerade der schuldeinsichtigen Europäer, die Oktoberrevolution in Russland, die Kulturrevolution in China, der „Sieg im Volkskrieg in Vietnam“ würden dem alten, maroden Europa das Modell einer befreiten Gesellschaft vorleben. Wie immer man die bisher erkennbaren Resultate dieser Befreiungsträume bewerten mag, ihre ungeheuren Kosten lassen sich nicht mehr leugnen. Vor allem hat sich gezeigt, daß die meisten dieser Befreiungsträume mit einem Muttermal der europäischen Hegemonialträume behaftet sind: Es sind und waren, mit erschütternd wenig Ausnahmen, Herrschafts- und Machtträume. Die Erwartung, ausgerechnet die Armen der Erde würden den reichen Industrieländern einen Ausweg zeigen, war wohl von Anfang nichts weiter als fromm. Allmählich hat es sich herumgesprochen, daß die Europäer sich weder an Stalins Bärtchen noch an Fidels Locken noch an Maos Haar, sondern nur am eigenen schütteren Schopf aus dem Sumpf ziehen können.

Die Mauer im Kopf