Von H. COURTHS-MAHLER

Vierte Folge

Eines Vormittags kam Käthe mit Line vom Wochenmarkt. Die alte Magd trug einen großen Korb mit Gemüse und Früchten. Als sie am Markt um die Ecke bogen, stand plötzlich Georg Wigand vor ihnen, der Romeo und Direktor der Theatertruppe. Käthe schlug die verräterische Glut ins Gesicht, als sie seinem bewundernden Blick begegnete. Wigand sah, welche Erregung sein Anblick bei ihr wachrief. Er war ein feiner Frauenkenner, und es fiel ihm nicht schwer, dieses junge Geschöpf zu durchschauen.

Unauffällig hatte er hier und da Erkundigungen über sie eingezogen. Er wußte, daß sie Waise war, im Hause ihres Onkels und ehemaligen Vormundes lebte, und daß sie – sehr reich sei. Die Mär von Käthes großem Reichtum hatte sich dank Lines Berichten im Städtchen herumgesprochen, und dieser letzte Umstand blieb auch nicht ohne Einfluß auf Wigand. Wenn er ernstlich wollte? Den Versuch konnte man immerhin machen. So mit einem Schlag aus den ewigen Geldverlegenheiten zu kommen, aus den Schulden bei Schuster, Schneider und Handschuhmacher – nicht übel! Und ein behagliches Heim, dazu ein hübsches, sanftes Weibchen, das den Gatten anbetete und ihm die Wünsche von den Augen absah – es war wirklich verlockend.

Frau Anna Berthold, in Wiegands Schauspieltruppe für das Mutterfach gereift, war eifrig beschäftigt, eine farbige Borte auf einen schwarzen Rock zu setzen, als es leise an die Tür klopfte. In der Meinung, einer der Kollegen oder Kolleginnen begehre Einlaß, rief sie: „Nur hereinspaziert, ob Jude, Heide oder Christ – herein damit, was durstig ist.“

Zaghaft wurde die Tür geöffnet. Käthe Rodeck stand auf der Schwelle und sah mit ängstlichen Blicken in das Zimmer und auf Frau Berthold. Die lachte „Entschuldigen Sie meine formlose Einladung zum Eintreten. Ich glaubte, es seien Bekannte, die bei mir anklopften.“ Käthe trat ein und zog die Tür hinter sich zu. „Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Ich heiße Käthe Rodeck.“ – „Danke, Fräulein Rodeck – wer ich bin, wissen Sie wohl!“ sagte die alte Dame, mit Wohlgefallen in das schöne, ernste Mädchengesicht blickend. „Sie wollen gern Schauspielerin werden, liebes Fräulein?“

Käthe sah sie erstaunt an. „Sie wissen ...“ – „Ich denke es mir, weil ich mir sonst nicht erklären könnte, was eine so schöne junge Dame bei mir alter Frau wollte.“ – Käthe atmete tief auf: „Wie kann ich am schnellsten eine fertige Schauspielerin werden? Nicht um zu verdienen, will ich diesen Beruf ergreifen. Ich möchte nur einen edlen Lebenszweck haben, einen Beruf, der mich ausfüllt, eine Tätigkeit, die mir zusagt. Ich möchte heraus aus kleinbürgerlichen, engherzigen Kreisen, aus niederdrückendem Alltagsleben. Mit einem Wort: ich will wissen, daß mein Leben nicht wertlos ist.“