Wie sich lebensbedrohende Herz-, Wasser- und Blutkrankheiten beim Fötus behandeln lassen

Von Katharina Zimmer

Auf dem Operationstisch liegt eine vierunddreißigjährige Frau. Sie ist in der 28. Woche schwanger. Ihr Körper wird mit grünen Tüchern steril abgedeckt, nur der leicht gerundete Bauch bleibt frei. Auch das Ultraschallgerät – der Monitor steht neben dem OP-Tisch – wird steril in einen Plastikschlauch verpackt. Die Frau bekommt keine Narkose. Nicht sie ist die eigentliche Patientin, sondern vielmehr das schemenhafte Wesen, das jetzt auf dem Bildschirm erscheint: Ein Fötus, etwa 32 Zentimeter lang. Sein Oberkörper wirkt übermächtig in den Proportionen, Brust, Schultern und Arme sind angeschwollen. Die Diagnose wird noch einmal bestätigt: Hydrothorax, das heißt Wasseransammlungen im Brustraum.

Das Leiden trifft etwa einen Fötus von 8000. Bleibt es unbehandelt, ist in den meisten Fällen der Tod die Folge, vor oder unmittelbar nach der Geburt. Das Wasser im Oberkörper verhindert mit seinem ansteigenden Druck, daß sich Herz und vor allem Lungen normal entwickeln. Sie bleiben klein und sind nicht funktionsfähig.

Zwei Fachärzte für Fötalmedizin und eine OP-Schwester führen den lebensrettenden Eingriff durch: Einer der Ärzte ist zuständig für den Ultraschall, der andere für die Operation. Nach der Lokalanästhesie – „Es piekt nur ganz kurz“, beruhigt er die Frau – führt er eine lange dicke Hohlnadel durch die Bauchdecke in die Fruchtblase ein. Auf dem Ultraschallbild kontrolliert er jede Bewegung des Instruments. Behutsam richtet er es auf den Brustkorb des Fötus, von der Seite her, ein wenig unterhalb des kleinen angewinkelten Arms. Man sieht, wie es millimetergenau in den mit Flüssigkeit angefüllten Brustraum zwischen Lungen und Rippen eindringt. Durch die Nadel wird jetzt ein Plastikkatheter, ein feiner kurzer Schlauch, mit seinem einen Ende eingeführt. Dann zieht der Arzt die Nadel langsam aus dem Fötus zurück und gibt das andere Ende des Katheters in der Fruchtblase frei. Der winzige Drainageschlauch, Shunt heißt er in der Fachsprache, bleibt bis zur Geburt im Körper des Fötus und sorgt ständig für einen ausgeglichenen Wasserdruck. Auf dem Ultraschallbild ist der Erfolg sofort zu beobachten. Unter dem Überdruck im Brustraum des Fötus wird das Wasser durch den Plastikkatheter nach außen gepreßt: Nach und nach entfalten die Lungen sich zu einer annähernd normalen Größe.

Die Operation ist eine Spezialität von Professor Yves Tumez, Leiter der Abteilung für Fötalmedizin an der Pariser Universitätsklinik Port Royal. Was für den Laien atemberaubend schwierig aussieht, nennt er „eine einfache Technik“. Eine Hohlnadel in den Körper des Fötus einzuführen, ist das Prinzip, nach dem die meisten „Operationen“ am ungeborenen Kind heute vorgenommen werden. „Viele Leute stellen sich unter Fötalchirurgie vor, daß man den Fötus aus dem Uterus herausholt, repariert, was nicht in Ordnung ist, und ihn dann wieder hineinsteckt“, erklärt Tumez. Die Wirklichkeit sei weitaus bescheidener.

1984 hat Yves Tumez diese Drainage eines Hydrothorax zum ersten Mal gewagt. „Der Fötus war bereits im Sterben. Uns blieb nichts als der Versuch, ihn zu retten. Wir haben beide Lungen punktiert.“ Die Rettung gelang. „Seitdem behandeln wir alle Föten mit diesem Leiden, es sei denn, sie sind bereits reif genug, um vorzeitig geboren zu werden.“