Arnold Schönberg: „Verklärte Nacht/Kammersinfonie Nr. 2“

Seine Musik, so hatte der prominenteste Zwölftöner einst prophezeit, werde man in 150 Jahren so leicht verstehen wie Mozart. Gemeint waren die späteren atonalen Brocken wie „Moses und Aron“, nicht aber das erste Hauptwerk, die 1899 komponierte „Verklärte Nacht“ oder die 1906 begonnene, aber erst 1939 fertiggestellte „Kammersinfonie Nr. 2“. Beide Stücke sind rein tonal konzipiert – gleichwohl fristen auch sie im profitsüchtigen Plattengewerbe eine kümmerliche Existenz: Die Aversion gegen alles, was sich im Vorfeld der Musik des 20. Jahrhunderts profilierte, sitzt in den Köpfen der Konzernherren tief. Möglich, daß sie sich mit der vorliegenden Einspielung des English Chamber Orchestra sogar „avantgardistisch“ vorkommen. Solch schnödem Ansinnen begegnet der Dirigent Jeffrey Tate hingegen mit subtiler Kenntnis der Partituren: Mit Elan spürt er den dichterischen Hintergrund (Richard Dehmel) der etwas schwülen programmatischen „Nacht“-Musik des Streichsextetts op. 4 auf, das der Komponist 1917 für Streichorchester bearbeitet hatte. Seine solide Darstellung der original orchestralen es-moll- Kammersinfonie erweist sich im Plattenkatalog sogar als absolute Rarität. (EMI CDC 7 49057) Peter Fuhrmann

„Das Glockenspiel der Garnisonkirche zu Potsdam – Märsche und Kammermusik am Hofe Friedrichs des Großen“

Diese originelle Schallplatte hat einen Anlaß: Das Iserlohner Fallschirmjägerbataillon 271 mit seinem patriotischen Anführer Max Klaar hat Spenden zusammengebracht und damit das berühmte Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche nachgießen lassen und nun solange in seine Obhut genommen, „bis unser Deutsches Vaterland nicht mehr gewaltsam geteilt ist“ und das Instrument nach Potsdam gestiftet werden kann. Der Hamburger Kirchenmusikdirektor Ernst-Ulrich von Kameke, Schüler des Professors Otto Becker, der „jahrzehntelang, bis ins hohe Alter die vielen Stufen auf den Turm mehrfach in der Woche hinaufgestiegen“ ist und „das Glockenspiel von Hand gespielt“ hat, eifert hier seinem Lehrer nach: Er improvisiert über die Potsdamer Glockenspielchoräle, auch den berühmtesten von allen – „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Und es klingt, wie es klingen muß: die Töne mit dem gewissen Unreinheitsgrad, ungedämpft ineinandertönend – das hat etwas ungemein Rührendes, für manche wahrscheinlich sogar etwas Mystisches an sich. Neben sechs Chorälen hört man Kammermusik von Friedrich II., seinem Flötenmeister Quantz und den Brüdern Graun. Am schönsten aber sind die Märsche im alten originalen Satz, bezaubernde kleine Kammermusikpiecen – vom Alten Fritz, seiner Schwester Anna Amalie und einem sehr begabten Anonymus. (Teldec UNS D 22 758) Manfred Sack

Anton Bruckner: „Sinfonie Nr. 4“

Während die Grandseigneurs von Forschung wie Interpretation sich immer noch über die Fassungs-Frage oder über das Hymnisch-Mystische in den Sinfonien ereifern und befehden, macht sich eine Aufnahme gut, die sich zu allererst darum kümmert, wie der angeblich so „neudeutsche“, also zur damaligen Fortschritts-„Partei“ zählende Bruckner sich in die Nachfolge der Klassik einzuordnen suchte: mit struktureller Penibilität nämlich. Was den Schülern Bruckners nie aufging (ihre „Erstfassungen“ beweisen es), hat Giuseppe Sinopoli – er weiß als Komponist halt, daß erst die Binnenordnung ein Stück zusammenhält und ihm den „Sinn“ gibt – jetzt zum Grundprinzip seiner Interpretation gemacht: die Grundanlage der (von Bruckner partout angestrebten, wenngleich ziemlich verkannten, weil nicht symmetrisch, sondern fortlaufend verstandenen) klassischen achttaktigen Periode; die darauf aufbauende Instrumentation und deren dynamische Konsequenzen; die Klangfarben-Entwicklung gemäß dieser metrischen Struktur; aber auch die Tempo-Relationen zwischen den einzelnen Themen-Komplexen; die Korrespondenzen zwischen den Sätzen der Sinfonie. Selten sind die rein musikalischen Kriterien, ohne Belastung also durch pseudotheologische oder gar phänomenologistische Gedanken-Wolken, so klar herausgearbeitet worden wie in dieser Aufnahme, für die die Dresdner Staatskapelle sich zu einer Spitzenleistung steigerte. (DG 423 677) Heinz Josef Herbort