Von Werner von Koppenfels

Ein Autor von Schauerromanen sei der Verfasser dieser sieben gefällig präsentierten Erzählphantasien, so behauptet der Klappentext. Der Plural tut des Guten zuviel. Denn Horace Walpole (1717-1797), jüngerer Sohn eines allmächtigen Politikers, Zeitbeobachter am Rande der Macht, zwanghafter Brief- und Memoirenschreiber, Habitué aufgeklärter Pariser Salons, Raritätensammmler und Dilettant mit unbegrenzten Mitteln, hat nur einen Schauerroman verfaßt – den allerersten: „The Castle of Otranto“. Darin überträgt er gleichsam den Bauplan seines neugotischen Schlosses Strawberry Hill (ebenfalls das erste seiner Art) aus der architektonischen in die fiktionale Phantastik. Als bloße Laune eines Privatmannes getarnt, erhebt die dem Zeitgeist so verdächtige Imagination ihren Einspruch gegen die Herrschaft gradliniger Vernunft – und wird verstanden.

In seinem Buch über Strawberry Hill hat Norbert Miller diese Zusammenhänge spannend und subtil erkundet. Dem damit geweckten deutschen Interesse an Walpole dürfte auch die Übertragung seiner um 1770 entstandenen „Hieroglyphischen Geschichten“ zu verdanken sein. Walpole selbst ließ die sechs skurrilen „Märchen“ – das siebte wurde erst 1967 aus dem Nachlaß veröffentlicht – in genau sechs Exemplaren auf seiner berühmten Strawberry Hill Press für einen engen Freundeskreis drucken, zu dessen Unterhaltung sie ursprünglich konzipiert waren. Als Rarität, bislang nur einer Handvoll Spezialisten bekannt, werden sie somit dem deutschen Leser dargeboten; kompetent übertragen (manchmal eine Spur zu weitschweifig für ihr Prinzip lakonischer Übertreibung) von Schuldt, dem vornamenlosen Autor schlanker, apart aphoristischer Texte.

Dank ihrer ironischen Brechung des Erzählvorgangs, ihrer Pose reiner Textoberfläche, läßt sich solche un-sinnige Fiktion im Nachwort vom Odium des Antiquarischen reinigen und flink der Prämoderne zuschlagen. Wie werden da die Wahrscheinlichkeitskriterien des eben flügge gewordenen bürgerlichen Romans, Groß und Klein, Tatsächliches und Metaphorisches, Sein und Nichtsein gewaltsam verrückt! Da heiratet unter haarsträubenden Komplikationen eine ungeborene Prinzessin einen verstorbenen Prinzen; ein andermal geht von einem Fötus in Spiritus solange Thronanspruch und Bürgerkriegsdrohung aus, bis ihn ein Bischof aus Versehen verschluckt (er hielt ihn für einen Pfirsich in Branntwein).

Das Markenzeichen made in England für den freien Wortflug der Phantasie, Nonsens plus schwarzer Humor, erscheint hier lange vor Lear, Carroll & Co. Und doch sind diese Hieroglyphen vor Champollion nicht gänzlich unentzifferbar, erweisen sich die Arabesken bei genauerem Hinsehen als Vexierbilder einer bizarr erfahrenen Wirklichkeit, die sich durch bildhafte Verfremdung und Kapriolen der Unlogik mitteilt. In ihrer Codierung, die eine Entschlüsselung durch den Leser fordert (Walpole hilft dem Verständnis mit Fußnoten nach), stehen sie der Kategorie des Witzes näher als der Empfindsamkeit. Indem sie die Ratio provozieren, sind sie Kinder ihrer Zeit; wie Strawberry Hill in all seinem Exotismus Ausdruck eines Aufklärungsideals bleibt: des Horazischen Refugiums vor den Toren der, großen Stadt. So lassen sich denn in den systematisch variierten Erzählmustern des Aberwitzes – Arabeske, Chinoiserie, irische Lügengeschichte, französisches Märchen, erotischer conte oriental – witzige Zutaten Swiftscher Ironie, Sternescher Laune und eines Fäkalienhumors à la Rabelais ausmachen, die auf die Absurdität des Realen zielen.

Der Memoirenschreiber Walpole weiß, daß Geschichte unglaublicher ist als jeder Roman. Seine Scheherezade bringt ihren Kaiser mit Hilfe kirchenhistorischer Fakten erst zum Einschlafen und dann zu Tode, worauf sie den Spieß umdreht und jede Nacht einen neuen Mann zu Bette nimmt – eine durchsichtige Allegorie der russischen Katharina. Doch nicht nur die geschichtlichen, auch die privaten Bocksprünge werden verrätselt. Niedliche Eigennamen wie Pissimissi oder Quifferiquimini schmuggeln in ihren baby talk handfeste Tabuwörter ein. Besonders libidinös geht es in der Geschichte aus dem Nachlaß zu, von der Schuldt in seiner Unschuld meint, sie sei wegen ihres allzu konventionellen Märchenzaubers ungedruckt geblieben.

Gusalme, Königin von Serendip (Ceylon), klettert auf einen Wunderbaum, um ein geheimnisvolles Nest zu inspizieren, als sie merkt, daß ihr von unten ein zähnefletschender Riesenpavian in die Röcke starrt, um ihr gleich darauf, in einen ehrwürdigen Patriarchen verwandelt, anzukündigen, im Nest harre ihrer der Vogel Salomos. Und dort sitzt das Tier tatsächlich, ganz aus Edelstein, dreißigmal kleiner als ein Kolibri, aber unbegrenzt dehnbar, und bebrütet zwei Straußeneier mit der Inschrift Oroknoz Alapol = Horace Walpole. Nein, ganz frei von Hintersinn sind diese Hieroglyphen nicht, eher ein angewandtes Stück Serendipity. Dieses Kunstwort, das Walpole seiner Muttersprache vermacht hat, meint jene müßige Vachheit, die zur Entdeckung des Ungesuchten führt.