ZDF, Montag, 3. Oktober, 22.10 Uhr: „Entfernte Stimmen – Stilleben“, Film von Terence Davies (Buch und Regie)

Warum hast du ihn geheiratet, Mam?“ – „Er war schön, und er war ein sehr guter Tänzer.“ Sind das Gründe, zu heiraten, eine Familie zu gründen, Kinder in die Welt zu setzen? Es sind vielleicht die besten Gründe, die es gibt. Denn für alles, was der Mensch im Leben tut, so richtig vernünftige Gründe zu haben – das ist wohl entschieden zu viel verlangt. Die Menschen aus einem Liverpooler Arbeiterviertel, die wir in diesem Film bei ihrem Alltag beobachten, sind auf beneidenswerte Weise in ihr Leben verliebt, vielleicht, weil es sie täglich überrascht, weil sie es längst nicht „im Griff“ haben, so sehr sie sich auch darum bemühen, weil es so schaurigschön und unberechenbar geblieben ist.

Der Film spielt in den 40er und 50er Jahren; Terence Davies hat die Erinnerungen an seine Eltern, Großeltern und Geschwister inszeniert. Die Erinnerungsbilder, die „Stilleben“ und „entfernten Stimmen“ geben keine zusammenhängende Geschichte einer Kindheit, nur was in der Erinnerung leuchtet, ist zu sehen, die warmen Stellen im grauen Proletarieralltag. Heiß ist die hilflose, die blinde Wut des Vaters, wenn er die Kinder schlägt, heiß sind die Träume der Teenager-Mädchen, die noch auf eine Zigarette im Ballkleid vor der Haustür stehen und den Tanzabend Revue passieren lassen. Von milderer Wärme sind die Familienfeiern, die der Film ausführlich schildert, und denen zuzuschauen dennoch nie langweilig wird. Warm auch dieses stille Treppenhaus, in das wir hineinlauschen bis jemand zu singen anfängt: notwendigerweise. – Terence Davies Film zeigt, wie die Songs zu Schlagern werden, die man in seiner Familie aus dem Radio kannte und nachträllerte. Die Bilder zeigen uns, wo dies Nachträllern herkommt, wo Schlager entstehen. Sie entstehen beim Anblick eines kleinen Fensters mit sauberen Scheibengardinen, hinter dem sich der Abendhimmel eben verdüstert. Sie entstehen beim Blick auf die Straße, wenn es regnet, sie entstehen auf einer Geburtstagsfeier, wenn ein Streit ausgebrochen ist und die Mutter der Ältesten befiehlt: „Sing, sing!“

Und „Sing!“, befiehlt der Vater unten im Bombenkeller, der Sohn stimmt an, und die andern fallen ein. Diese Menschen haben so oft etwas zu singen, weil ihre Not ebenso groß ist wie ihre Lebensfreude. Für sie, die beinahe ganz unten sind, ist die Welt eine einzige Verheißung, für sie kann es nur besser werden.

Die Blüten des Mangels: in den Pubs, auf Parties und Hochzeiten, in den Wohnzimmern wird gesungen, ohne Scheu und Scham, und es klingt nicht schlecht. Das karge Leben wird zum Musikal verklärt. In einem Arbeiterhaushalt, wo alles so ordentlich und streng zugeht, blüht die Poesie, wo man sie nie vermutet hätte; beim Fensterputzen zum Beispiel. Die Mutter sitzt, die Beine nach innen, auf dem Fensterbrett und wischt im trüben Sonnenlicht die vom Kohlestaub verschmierten Scheiben. „Do’nt fall, Mum“, flüstert die Kleine, die ihr von unten zuschaut. Solcherart sind die „Stilleben“, die Miniaturen aus einem Liverpooler Proletarierleben – Szenen, die man sonst nur im Leben sieht. Kleine Film-Gedichte, hervorragend komponiert und aufgenommen. Der Sohn im Armeetransport, die Tochter mit einem schmatzenden Muffel verheiratet – begleitet von diesen bunten, süßen Schlagermelodien, die alle Träume offenhalten: by by, black-bird – und nichts ist endgültig. Martin Ahrends