Von Michael Rutschky

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ So der erste, berühmt-berüchtigte Satz aus des berühmt-berüchtigten Carl Schmitt „Politischer Theologie“ von 1922. Was auch immer die Apologeten sagen: Wen Schmitt dann als Souverän ins Auge gefaßt und wem er zugearbeitet hat, das war Adolf Hitler. Und dies Engagement hat ihn, einen höchst ehrgeizigen Mann, nach der Niederlage des Dritten Reiches die Wirkungsgeschichte gekostet, wie stark auch immer sein Einfluß auf Staats- und Verwaltungsrechtler der Bundesrepublik gewesen ist – nicht zuletzt sein Einfluß auf Gegner wie Jürgen Habermas, dessen ganzes Werk auf eine radikale Rechtfertigung jener liberalen Diskussion hinauswill, für die Carl Schmitt nur Hohn übrig hatte. Die normative Vernunft, die sich, laut Habermas, im kommunikativen Handeln entfalten soll, dürfte bis ins einzelne als Gegenbild jener Entscheidung entworfen sein, die, laut Schmitt, normativ gesehen aus dem Nichts kommt und eigentlich eine Form der Ekstase darstellt.

Ich hätte auch mit Ernst Jünger anfangen können; oder mit Gottfried Benn oder Heidegger – dies ist die Tradition des deutschen Existentialismus oder Dezisionismus oder Irrationalismus. Keine Auslegungskunst kann uns vergessen machen, daß sie dem Dritten Reich zugearbeitet haben (um bei dieser Formel zu bleiben). Wer sich auf diese Tradition einläßt – und das ist immer wieder dringend zu raten –, hat dann und nur dann etwas davon, wenn er stets im Bewußtsein behält, daß er sich in schlechter Gesellschaft befindet. Erst dann wird es spannend.

Ich habe mit dieser Tradition angefangen, weil sie den unüberschreitbaren Kontext bildet, wenn unsereins sich mit Autoren wie Georges Bataille beschäftigt, Vertretern eines französischen Irrationalismus oder Existentialismus oder Dezisionismus, wie man es nennen mag, Theoretiker und Praktiker einer Revolte gegen die bürgerlich-vernünftige Einrichtung der Welt – zu der es ja in Deutschland gar nicht gekommen war, und das, meinten Schmitt und Konsorten irrigerweise, verschaffe uns gewisse Vorteile. Von wegen.

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet – es trifft sich, daß Georges Batailles Werk um die Ideen der Souveränität wie der Ekstase gruppiert werden kann, und die Theologie – Schmitt hat den Ausnahmezustand, in dem die neue Ordnung gestiftet wird, als Äquivalent des Wunders konzipiert –, die Theologie ist für Bataille, der in seiner Jugend Priester werden wollte und 1936 in Jean Renoirs Film „Une partie de campagne“ zu seinem Entzücken einen gespielt hat, stets ein Bezugspunkt geblieben.

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet – aus der Perspektive Batailles gelesen, ist diese Formel sinnlos. Souverän ist für Bataille, wer in den Ausnahmezustand – sagen wir: hineingerät. Und der Ausnahmezustand, die Ekstase, das Wunder macht sich gerade dadurch unabweisbar, daß ein wohlkonturiertes Subjekt, das eine Entscheidung fällt, weil es die Lage überblickt – das durch seine Entscheidung eine überblickbare Lage herstellt –, dieser Ausnahmezustand ist eben dann eingetreten, wenn es ein solches Subjekt nicht mehr gibt; dessen Souveränität erweist sich gerade daran, daß es seine eigene Wohlgestalt, die auch seine Grenzen markiert, überschreitet.

Aber langsam. Am besten bekommt man den Unterschied zwischen den deutschen und den französischen Verhältnissen in diesem Punkt zu fassen, wenn man sich klar macht, daß für Schmitt und Konsorten das Modell des Ausnahmezustandes der Krieg ist. Für Bataille und seinesgleichen aber: die Sexualität.