ARD, Donnerstag, 21 September: „Sketch-Parade“

Heikel sind Besuche bei humorigen Familien des Gelächters wegen. Inniges Zusammenleben fröhlicher Menschen erzeugt unweigerlich „injokes“, Späße, die von der Gemeinschaft, ihrer Geschichte und Eigenart leben und die kein Außenstehender kapiert. Der Gast weiß nicht, was an Tante Olgas Geburtstag so komisch war, und fühlt sich, selbst wenn man es ihm erklärt, einsam, während die Familie ihre Lachtränen trocknet. Er möchte gern gehen, fürchtet aber, die Stimmung zu verderben. Doch was geschieht, wenn er bleibt? Von wegen, daß Humor verbindet. Es gibt kein besseres Mittel, jemanden auszuschließen.

Die Familie, von der hier die Rede ist, heißt Fernsehanstalt und der Ausgeschlossene Publikum. Da sitzen sie zusammen, die Spaßmacher vom Dienst, sei es im Studio, sei’s in der Kantine, und rufen: „Weißt du noch?“ und biegen sich. Die Kamera, ihnen treu ergeben, zeichnet alles auf und reicht es weiter ins Programm. Neidisch nimmt das Publikum zur Kenntnis, daß Fernseh-Machen lustig ist, aber es versteht kein Wort. Mal wieder hat nur Bolle sich köstlich amüsiert.

Komische Szenen müssen luftgetrocknet sein – die Feuchtigkeit der Erzeugung darf ihnen nicht mehr anhaften. Jeder plötzlich hereinschneiende Gast sollte im Nu überzeugt und Opfer der komischen Evidenz sein können. Der Witz ist keiner Familie Mitglied, und erst das Gelächter fremder Leute weist ihn aus als gültig. Was dem TV-Humor fehlt, ist ein Stück Weitgereistheit, ist frische Luft oder, in der Sprache der seriösen Kritik: die Distanz zu sich selbst. Aber woher sollte die kommen bei der Enge in Studios und Archiven und im Programm?

Jedenfalls fehlte sie weitgehend in Otto Schenks „Sketch-Parade“, insbesondere dem Komik-Archivar selber, der in kleinen Zwischenszenen vergeblich versuchte, mit seinem österreichischen Akzent über den leeren Quatsch hinwegzucharmieren. Eddi Arent als Fahrer eines Schrottkäfers und Anbieter einer jahrzehntealten Slapstick-Nummer scheiterte weniger an seinen mimischen Möglichkeiten als an der doofen Dürre des Dialogs. Didi Hallervorden als Trödler bot einen Dosenöffner aus dem 16. Jahrhundert feil und erklärte auch noch, warum der sich damals schlecht verkauft hat! Emil hatte schon bessere Momente, da hilft kein Schwyzerdütsch. Und von Thomas Freitag gab’s eine Nummer Sicher: Politikerparodien ziehen immer. Wenn Polt nicht gewesen wäre, der seine schleppende Schauerkomik bravourös jenseits des Inzucht-Humors aufsetzte, so hätte dieser Querschnitt durch deutschen TV-Humor bewiesen: der Spaß im Fernsehen ist mafiamäßig organisiert. Wer nicht zur Familie gehört, hat keine Chance. Und der Familie selbst langt das Gelächter vom Band.

Komische Formen stehen auf, wenn Epochen versinken. Am Ende sei der Jux. Goldoni schenkte der untergehenden Republik Venedig die schönsten Komödien des 18. Jahrhunderts, Nestroy dem österreichischen Vormärz die brillantesten Possen des 19. und Arnold und Bach der Weimarer Republik den deutschen Schwank. Heute hat das Fernsehen medial die Macht übernommen. Und wir stellen beruhigt fest: Unsere Epoche ist noch nicht am Ende. Barbara Sichtermann