Von Karl-Heinz Janßen

In den letzten Wochen haben wir es immer wieder erlebt, wie bei den Olympischen Spielen in Seoul unsre Nationalhymne erklang. 46 Prozent der Bevölkerung, so gab in diesem Sommer das Bundesinnenministerium bekannt, empfinden Stolz beim Abspielen des Deutschlandliedes. Indes ergab unlängst eine vom ZDF bestellte Umfrage, daß drei Viertel der Bundesbürger den Text der offiziell bevorzugten dritten Strophe gar nicht oder nur unvollständig kennen – bei den Jugendlichen unter 19 waren es nur acht Prozent. Anlaß genug für zwei historisch vorgebildete ZDF-Autoren, die Geschichte der Hymne niederzuschreiben.

  • Guido Knopp/Ekkehard Kuhn: Das Lied der Deutschen. Schicksal einer Hymne

Ullstein Verlag, Berlin 1988; 208 S., 24,80 DM.

Der Zufall wollte es, daß zur selben Zeit der Oldenburger Schriftsteller Klaus Dede unter dem gleichen Titel eine kommentierte Anthologie patriotischen Liedgutes vollendete, um das Volk über den Hintergrund des Deutschlandliedes aufzuklären.

Zum Teil hat er dieselben Quellen benutzt wie die beiden Mainzer, nur kommt er zu entgegengesetzten Schlüssen. Die Diskussion über Sinn oder Unsinn der Nationalhymne kann also beginnen.

Knopp und Kuhn haben ihrem Buch Worte von Altbundespräsident Walter Scheel vorangestellt, der sich schon als freidemokratischer Düsseldorfer „Jungtürke“ 1950 für den Erhalt der damals noch von den Alliierten verbotenen Nationalhymne stark gemacht hatte. „Wir wollten ... ein Stück unserer deutschen Identität zurückhaben.“ Das Lied solle den Willen zur Wiedervereinigung bezeugen und freiheitlichen Geist bekunden. Analog folgern die Autoren, es sei für Deutsche und Ausländer erfreulich, wenn sich unser Volk wieder mehr den nationalen Symbolen zuwende, sofern sich nur der Patriotismus mit den Idealen der Demokratie und deren historischer Tradition verbinde.