Nach Jahren des Bürgerkrieges liegt der Libanon nun im Koma: Hat Präsident Amin Gemayel jetzt den Totenschein ausgestellt? Nach den Buchstaben der Verfassung hätte für ihn längst ein maronitischer Nachfolger gefunden werden müssen. Doch auch im zweiten Anlauf sorgten christliche Abgeordnete dafür, daß im Beiruter Parlament das Quorum nicht erfüllt wurde. Kurz vor seinem Abgang setzte Gemayel eine Militärregierung unter dem maronitischen General Aoun ein. Der fand sich erwartungsgemäß vor den leeren Stühlen der moslemischen Regierungsmitglieder wieder. „Ich bin die Regierung“, tönte Aoun gleichwohl. „Ich allein halte die Macht der Exekutive in meinen Händen“, verkündete dagegen Selim al-Hoss, bis gestern sunnitischer Ministerpräsident unter Gemayel.

Kein Präsident, dafür zwei Regierungen der „nationalen Einheit“ – von der konfessionellen Proporzdemokratie zwischen Maroniten, Sunniten und Schiiten steht nicht einmal mehr die Fassade. Dabei beruft sich jede Seite auf eine Verfassung, an deren Ruin sie kräftig mitgewirkt hat.

Beide Regierungen buhlen um internationale Anerkennung, beide blicken nach Syrien. Der Weg zur Macht führt über Damaskus. Dort hält Präsident Hafis el-Assad noch am Abkommen mit den Amerikanern fest. Danach soll Washington in der unruhigen Region nichts gegen Syrien unternehmen. Im Gegenzug will Damaskus libanesische Präsidentschaftswahlen organisieren, mittelfristig sogar seine Truppen aus dem Nachbarland zurückziehen. Doch im Libanon bestimmt nicht die Vormacht Syrien allein, dort wollen auch Israelis und christliche Clans, proiranische und proirakische Fraktionen ein Wort mitreden. Es geht weniger um die Zukunft als um das Erbe des Libanon.

van.