Von Werner Schlegel

Von weitem sieht das Ding ziemlich harmlos aus. Gleich einer übergroßen Luftmatratze hängt es, regenbogenfarbig, am wolkenverhangenen Himmel über dem Strand des holländischen Seebades Scheveningen.

Aus der Nähe stellt sich das Ding, 36 Meter lang, 16 Meter breit, als ein aufgeblasenes Monstrum dar. Es ist die Attraktion des Scheveninger Drachenflieger-Festivals, die auffälligste Erscheinung in der Gruppe der „Parafolien“, einer Erfindung des Amerikaners D.C. Jalbert. Dessen Idee, die Form eines Drachens flexibel dem Wind anzupassen, um ihm einen besonders starken Auftrieb zu geben, ist eine der jüngsten Erkenntnisse in der gut 2000 Jahre alten Geschichte des Drachenbaus.

Das Scheveninger Unikum ist nicht irgendeine Parafölie, es ist die größte der Welt. Mit sieben dreifingerstarken Seilen hängt sie im Fluge am hinteren Schlepphaken eines großen Schaufelladers; menschliche Muskeln wären außerstande, der enormen Auftriebszugkraft von etwa sechs Kilogramm pro Quadratmeter Folienfläche zu widerstehen. Damit nicht genug: Am Boden halten zwei Gruppen mit je dreißig Personen den Riesendrachen an zwei seitlich befestigten langen Steuerleinen in der Waagerechten. Die Kommandos, wer wann auf welcher Seite ziehen muß, um ein seitliches Ausbrechen und damit den Absturz zu verhindern, erhalten die Gruppen per Funk.

Neun Bastler, darunter zwei Frauen, aus Den Haag und Umgebung haben die Superfolie in über 3000 Arbeitsstunden gebaut. Zwei- oder dreimal im Jahr lassen sie ihr „fliegendes Bierzelt“ steigen. „Mehr ist wegen des enormen Aufwandes nicht drin“, sagt Ben von Roon, einer der Konstrukteure. Spätestens nach dem dritten Start müssen die aus Spinnaker-Nylon zusammengenähten, strebenlosen Luftkammern an zahlreichen Stellen geflickt werden, und dafür ist jedesmal ein etwa 800 Quadratmeter großer Saal zu mieten.

Axel Reusch, der seine „Träume an der langen Leine“ kürzlich bei einem Drachenfestival am Münsteraner Aasee steigen ließ, hat es da einfacher. Dem 20jährigen Bastler und seinen Freunden genügen die Hobbywerkstatt im heimischen Keller in Herdecke oder auch das häusliche Wohnzimmer, samt Nähmaschine von Mutter, Schwester oder Ehefrau. Dort tüfteln und werkeln sie Stunde um Stunde, zeichnen Umrisse auf Spinnakernylon-Bahnen, schneiden zu, sägen Rundstäbe aus Buchen- oder Raminholz für die Drachengerüste. Auch High-Tech-Produkte aus dem Boots- und Flugzeugbau kommen zum Einsatz, Stäbe aus glasfaserverstärktem Kunststoff beispielsweise oder, so es der Geldbeutel hergibt, extrem dünne, verwindungssteife Rohre aus Kohlefasern. Was dabei herauskommt, hat mit den schwanztragenden Kinderdrachen früherer Zeiten nichts mehr gemein – außer dem aerodynamischen Prinzip des Auftriebs der Drachen durch Preßdruck an der Vorder- und Unterdruck an der Rückseite.

Seit etwa zwei Jahren gibt es einen regelrechten Drachenfliegerboom, nicht zuletzt dank der High-Tech-Materialien; sie verleihen den Himmelsstürmern Flugeigenschaften, die das Hobby zum Sport machen. Nichts scheint von vornherein unmöglich. Axel Reusch: „Es gibt Konstruktionen, von denen du auf den ersten Blick meinst, die können gar nicht fliegen, das ist schon faszinierend.“