Von Thomas Kleine-Brockhoff

Rainer René Graf Adelmann von Adelmannsfelden steht im Rufe, ein skrupelloser Geschäftsmann zu sein. Als er im Frühjahr in Frankfurt eine Agentur für Babyhandel eröffnete, war die Empörung so groß, daß Oberbürgermeister Wolfram Brück sofort die Schließung des Büros anordnete. Adelmann läßt sich freilich nicht beirren: Das Geschäft mit der Vermittlung philippinischer Babies an deutsche Adoptiveltern geht auch ohne Firmensitz weiter. Mehr noch: Der 40jährige Graf aus dem oberschwäbischen Dorf Sentenhart bei Sigmaringen erweitert gerade seine Angebotspalette. Seine jüngste Idee ist die Vermarktung von Nieren.

Unter dem Briefkopf einer „OrganSpende- und HumanErsatzVereinigung auf Gegenseitigkeit“ schreibt der Graf potentielle Geschäftspartner an: „Sehr geehrter Gemeinschuldner, Ihre Anschrift habe ich dem Bundesanzeiger entnommen, bzw. den Kammermitteilungen, wo öffentlich bekannt gemacht wird, daß Sie pleite seien; weiter; daß man mit Ihnen keine Geschäfte machen soll, daß man Ihnen keinen Kredit gewähren darf, daß gegen Sie wahrscheinlich die Kriminalpolizei wegen Betrugs ermittelt, daß man Sie anzeigen soll, und daß zuletzt jeder, der mit Ihnen Geschäfte macht oder umgeht, selbst nur in Verdacht gerät.“ In dieser bedrängten Lage werden sich nun „die letzten Aasgeier“ an den „geehrten Gemeinschuldner“ heranpirschen, die „hungrigsten Menschenschänder“ werden ihn „zu Krediten verleiten“ wollen, warnt der Graf. „Ganz anders“ dagegen die „OrganSpende- und HumanErsatzVereinigung auf Gegenseitigkeit“. Sie bietet dem „geehrten Gemeinschuldner“, falls ihm „der Mut für einen Einbruch oder Banküberfall fehlt“, eine „Lösung auf der Basis der Vernunft“ an: Er spendet eine Niere, erhält 60 000 bis 80 000 Mark, je nach Qualität der Ware, und ist damit aus dem Gröbsten heraus.

Nieren sind schließlich begehrt. Durchschnittlich 30 Monate lang muß warten, wer auf eine Nierentransplantation angewiesen ist. Bisweilen dauert es sogar fünf Jahre, bis der Computer der „Eurotransplant-Zentrale“ in den Niederlanden eine passende Spenderniere gefunden hat. Warum sollte nicht, wer sich’s erlauben kann, seine Leiden verkürzen und eine Niere kaufen, findet Graf Adelmann, der seine Vermittlerdienste selbstverständlich nicht ohne sattes Honorar anbietet: „Eine Geldtransfusion für Ihr Weiterleben, eine Nierentransplantation für das Weiterleben eines Krösus. Dieser simple Handel zwischen zwei unbekannten Menschen, die hier zu Kameraden im Kampf gegen den Tod werden, von unserem Staat und unserer Gesellschaft als moralisch bedenklich verpönt, rettet zwei Menschenleben, jedenfalls das Ihre. Denn auch wenn der Nierenempfänger nicht überlebt: Sie überleben: medizinisch sowieso und wirtschaftlich nun doch.“

Seit der Adelige vor drei Wochen diesen Brief aufgesetzt hat, würden, so sagt er, täglich vier bis fünf Interessenten beim „Organ-Büro“ in Pfinztal bei Karlsruhe anrufen. Am Telephon meldet sich Organ-Maklerin Erika Berg. Routiniert, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan, wickelt sie das Geschäft im Stile einer Autoreparaturwerkstatt ab. Ein paar Fragen zur Person und zum Gesundheitszustand, gerade so, als müsse, um das Ersatzteil einbauen zu können, zuvor Fahrzeugtyp und Fahrgestellnummer erfragt werden. Der Kunde erhält per Post einen Fragebogen und eine Einladung zur ärztlichen Untersuchung. Natürlich, beruhigt Frau Berg, sei alles ganz problemlos, medizinische Routine. Für die Operation gehe man nach Frankreich, dort sei so etwas üblich.

Was freilich nicht stimmt. Frankreich ist wie die Bundesrepublik dem europäischen Organverbund angeschlossen. In einem „Transplantationscodex“ haben Europas Kliniken einander versprochen, kommerzielle Organspenden nicht zuzulassen. Neben diesem Grundkonsens gibt es in den einzelnen Ländern aber unterschiedliche Regelungen. In der Bundesrepublik werden Nieren lediglich Toten entnommen. Wegen der Gefahr „unbemerkbarer finanzieller Gesichtspunkte“ akzeptieren deutsche Chirurgen nur Organspenden von engsten Blutsverwandten. In Frankreich dagegen gelten in manchen Kliniken Organspenden von Lebenden, solange nicht Geld im Spiel ist, als statthaft. Graf Adelmann muß den Krankenhäusern also lediglich den kommerziellen Charakter der Organspenden verheimlichen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Transplantationszentren in der Bundesrepublik ist alarmiert. Bei einer Sitzung Mitte September überlegten die Ärzte, was sie gegen Adelmann tun könnten. Anzeigen wollen sie ihn nicht – mangels Aussicht auf Erfolg. Denn ein Transplantationsgesetz gibt es nicht. Wer gekaufte Nieren transplantiert, mißachtet lediglich die freiwillige Selbstverpflichtung der Ärzte. So sieht es auch die Staatsanwaltschaft Karlsruhe, bei der eine anonyme Anzeige eingegangen ist. Zwar meint der zuständige Oberstaatsanwalt, ihn beschleiche ein „unangenehmes Gefühl“, aber „juristisch gesprochen liegt das wohl in einer Grauzone“.