Von Michael Schwelien

Vor dem großen Ballsaal des Hotel Intercontinental staut sich eine lange Reihe von Autos und Kleinbussen. Dem letzten, einem girlandengeschmückten, brandneuen Mercedes, entsteigt, blaß geschminkt, eine Braut. Drinnen spielt die Kapelle auf: eine Mixtur klassischer afghanischer Klänge, durchsetzt mit Rockmusik. In der kleinen Bar des Hotels beendet das Zentralkomitee der Demokratischen Volkspartei Afghanistans seine Sitzung. Geheimdienstmänner geben die Aufzüge zu den oberen Etagen wieder frei: Ein eigentlich unnötiger Schritt, denn von den 200 Zimmern sind nur vier vermietet, und diese auch nur auf der untersten Etage – weiter oben könnten Raketen einschlagen. Den Getreuen aus dem ZK voran eilt Präsident Nadschibullah – schlanker als früher – durch einen Seitengang zum Ballraum. Ein Tusch, die Hochzeit, derart politisch beehrt, erreicht ihren Höhepunkt.

Es ist Neumond. Und doch sind die Berge um Kabul minutenlang in Licht getaucht, heller als bei Vollmond. Ganze Bündel von riesigen Leuchtkugeln schweben langsam an kleinen Fallschirmen herab auf das Schlachtfeld um die Hauptstadt. Dumpf gröhlt aus den Vororten die Artillerie. Seitdem die Sohne untergegangen ist, ertönt überdies von den verschiedensten Straßenecken das kurze „Peng“ einzelner Gewehrschüsse, und mitunter zeigt ein scharfer Knall an, daß eine Rakete der Mudschaheddin im Stadtgebiet eingeschlagen hat.

Zwei junge Hochzeitsgäste fragen den ob der Ausgelassenheit unter dem Feuerzauber verwunderten westlichen Reporter, woher er stamme, lassen den Ballphotographen ein Erinnerungsphoto aufnehmen, bitten, doch einmal das Hotelzimmer besichtigen zu dürfen, und laden als Gegengabe den Reporter ein, ein paar Minuten mit ihnen im Auto zu sitzen, ihrem größten Stolz – ein frisch importierter Toyota, nicht einmal 8000 Kilometer zeigt der Tacho an.

„Möchten Sie spazierenfahren?“ – „Warum nicht“. Hundert Meter bis zum Militärposten. Zurück. Fünfzig Meter bis zum Ende einer Sackgasse. Zurück. Dreißig Meter einen Hügel hinauf, bis zum Geheimdienstposten. Zurück. Endlich läßt der junge Mann den Wagen einfach mit laufendem Motor und Cassettenrecorder auf dem Hotelparkplatz stehen, sagt: „Ich hasse die Sowjets, sie sind an allem schuld“, sagt es, nein schreit es noch einmal, „ich hasse die Sowjets, die Schurawi!“

Mitte August hatten die Sowjets unter den Augen eines ganzen Trosses aus Moskau und Delhi eingeladener Journalisten das zweite Viertel ihrer 100 300 Mann starken Besatzungstruppe abgezogen. Der gesamte Osten und Südosten des Landes soll geräumt sein, angeblich stehen derzeit sowjetische Soldaten nur noch in sechs der 31 Provinzen Afghanistans, insgesamt rund 50 000 Mann, vermutlich weit über die Hälfte davon in Kabul. Nun ist es Aufgabe der afghanischen Armee und der Luftwaffe, das Land zu halten.

Doch schon wenige Tage nach dem 15. August konnten Rebellen die nördliche Provinzhauptstadt Kundus vorübergehend an sich reißen, mit größter Brutalität übrigens. Nach Informationen aus westlichen diplomatischen Kreisen hatte sich eine Einheit der paramilitärischen afghanischen Bereitschaftspolizei Tsarandoi unter der Bedingung ergeben, daß ihr Leben geschont werde. Kaum aber war ihnen dies zugesagt worden, da machten die Mudschaheddin Mann für Mann der mit erhobenen Händen dastehenden Polizeisoldaten nieder. Vorzeichen für Kabul?