Zu Hause“ heißt ein Kapitel. Zu Hause? Ein Laternenpfahl am Times Square vielleicht, oder der Bürgersteig, den ein Obdachloser in Besitz nimmt: „Mein Zuhause ist New York“. Zu Hause: dieses „riesige Monopolybrett“, Himmel und Höhle und Hölle; „ein Heulen im Kopf, ein großes Stimmengewirr, wie der Gesang der Sirenen, wie die Schreie von Ellis Island“; „ein Fata-Morgana-Reich in einem toten Grenzland“; ein Fest fürs Leben? Alles und nichts von dem – und noch viel mehr – das ist Jerome Charyns New York. Sein Zuhause.

Charyns Metropolis ist eine imaginäre Stadt auf festen Füßen, „Mythos, Marktplatz und magisches Land“, wie es im Untertitel der Originalausgabe heißt. Aus seiner Sicht – der des New Yorker Juden und links angehauchten Anarchisten – hat der Schriftsteller ein persönliches Portrait seiner Stadt verfaßt – eines der schönsten Bücher über New York, ja, eines der ungewöhnlichsten Städteporträts überhaupt. Charyn ist ein Zauberkünstler in diesem magischen Land, dessen Mythos er erklärt und verklärt. Komisch und melancholisch erzählt er, fasziniert von der New Yorker Mischung aus Kitsch, Kunst und Kommerz.

Charyns Odyssee durch Metropolis beginnt auf Ellis Island, jenem Ort, an dem sich die Träume der Ankommenden mit dem Terror des Abkommens vermischen; beides weiß er äußerst eindringlich zu schildern. Ellis Island ist New York für den Sohn eines Polen auch heute noch, eine Stadt, die sich mit jedem Strom von Immigranten neu schafft; Charyn selbst schreibt die Stadt neu und so wie man sie noch nicht gesehen und erlebt hat: bevölkert von Besessenen und Melancholikern.

New York, das ist für Charyn der windige und wendige Bürgermeister Ed Koch, sein „Bruder“ aus der Bronx, „ein gewaltiger, vielgestaltiger Clown mit der Findigkeit eines Krämers“. New York ist aber auch Hermann Melvilles „Bartleby“, eine der beklemmendsten und einsamsten Gestalten der amerikanischen Literaturgeschichte. Lebendig begraben in einem düsteren, staubigen Loch von Büro in der Wall Street, terrorisiert die geheimnisvolle Figur ihre Umwelt und den Leser mit ihrer Unerbittlichkeit. Auf den Gesang der Sirenen kennt sie nur einen Refrain: „I prefer not to“ – „Ich möchte lieber nicht.“

Charyn liebt sie beide, den vitalen Ja-Sager Koch, strotzend vor roher Energie, und den melancholischen Geist, der stets verneint. Der Autor, der New York beschreibt, als handle es sich um den Großen Gatsby persönlich – ein verschwenderischer, vulgärer Gangster mit der grenzenlosen Kraft und Naivität des Träumers – Charyn hat F. Scott Fitzgeralds Intelligenztest bestanden: zwei widersprüchliche Ideen im Kopf zu halten, ohne verrückt zu werden. „Eine Mischung aus Schweigen und Schreien“ ist New York, ist auch das Buch.

Eine solche Stadt, so scheint der Autor zu sagen, kann man gar nicht zwischen zwei Buchdeckel packen. Einkreisend nähert er sich ihr, verschiedene Zugänge wählend: Familiengeschichte (die immer den Ausgangspunkt markiert), Architekturgeschichte, Geschichte, Literaturgeschichte: Seine Ahnen sind Nathanael West und Henry Roth. Dabei findet er immer das passende Schlüsselloch für diese Zugänge – Charyn hat einen treffenden Blick für jene bekannten Nußschalen, die das Ganze enthalten. Nirgends wird das deutlicher als bei der Auswahl der Bewohner von Metropolis, die er blendend porträtiert.

Charyns Helden sind Außenseiter, (gefallene) Engel, die ihre Träume auf die Erde holen. Von ihren Ideen besessene Visionäre findet der Autor im Kino und auf der Behörde. Roxy Rothapel zum Beispiel, der den Traumpalast aller Traumpaläste, das „Roxy“, erbaute. Oder der Oberschulbeamte als „Klapperschlange“, „ein Visionär, der es sich nicht leisten konnte, sich in anderer Leute Mängel an Träumen begraben zu lassen.“