Ein Plädoyer des Kronberger Kreises*

Eines ist sicher – die Rente“, ließ die Bundesregierung noch vor wenigen Monaten allenthalben plakatieren. Gemeint war damit, daß die Renten bis zum Wahljahr 1990 sicher seien und beim Gebäude der Rentenversicherung gegenwärtig keine Einsturzgefahr bestünde. Doch wer würde je ein Haus beziehen, das so beschrieben wird?

Richtig ist, daß für alle, die heute vierzig Jahre und jünger sind, eine ausreichende Alterssicherung in Form einer umlagenfinanzierten Rente nicht mehr garantiert werden kann. Dies liegt daran, daß die Geburtenrate stark gesunken ist, so daß in den kommenden Jahrzehnten eine immer geringere Zahl von Aktiven eine immer größere Zahl von Rentnern ernähren müßte. Die Gefahr war 1970 schon zu erkennen; 1975 lag sie für jeden Interessierten auf der Hand; 1980 war sie schon unabwendbar.

Angesichts dieser unabwendbaren Bedrohung ist eine Reform geboten, die das System der Alterssicherung in der Bundesrepublik wieder auf ein langfristig tragfähiges Fundament stellt. Aber die Reformnläne der Bundesregierung, deren Konturen sich jetzt abzeichnen, haben offenbar nur den Ehrgeiz, den für das Jahr 1991 drohenden Zusammenbruch der Rentenversicherung durch Verschiebung der Lasten abzuwenden.

Die Krise der Altersversorgung war von Anfang an programmiert. Früher – als eine Rentenversicherung noch nicht existierte – mußten die Aktiven entweder Kinder haben, von denen sie im Alter ernährt wurden, oder sie mußten Vermögen bilden, das sie später verzehren konnten, oder aber sie mußten bis an ihr Lebensende arbeiten. Diese Gesetzmäßigkeiten gelten auch für ein Volk als Ganzes.

Durch die gesetzliche Rentenversicherung wurden die Kinder teilweise sozialisiert: Nicht mehr die eigenen Kinder kommen für den Lebensunterhalt ihrer Eltern auf, sondern jedermanns Kinder für jedermanns Eltern. Damit ist das Motiv geschwächt worden, für die eigene persönliche Alterssicherung eigene Kinder zu haben.

Hinzu kommt, daß die gesetzliche Rentenversicherung im Laufe der Zeit nicht nur auf einen immer größeren Teil der Bevölkerung ausgedehnt wurde. Sie deckt mittlerweile auch einen immer größeren Teil des Lebensbedarfs im Alter ab. Das wichtige Sparmotiv „Altersvorsorge“ entfällt weitgehend. Wer im Alter versorgt sein will, braucht kein Vermögen zu bilden. Schließlich haben flexible Altersgrenze und Vorruhestandsregelung dafür gesorgt, daß sich die Arbeitenden früher zur Ruhe setzen können, ohne daß sie merkliche Einbußen hinzunehmen hätten.