Diese Zahl ist eine reine Rechengröße; sie berücksichtigt nicht die Reaktion der Menschen auf eine solche Abgabenlast. Daß aber eine so gewaltige Last zu Reaktionen führt,\ ist sicher. Zunächst würde die Wirtschaftstätigkeit in kaum vorstellbarem Umfang in die Schattenwirtschaft abgedrängt, weil jeder versuchen würde, der unerträglichen Abgabenlast zu entkommen. Zum zweiten würde der Mißbrauch der Sozialversicherung, insbesondere der Arbeitslosenversicherung, zunehmen. Zum dritten würden sich die Investoren günstigere Standorte als die Bundesrepublik suchen. Schließlich würden junge, gut ausgebildete Leute zu dem Schluß kommen, in Deutschland könne man es zu nichts mehr bringen, und würden auswandern. Damit würde ein Teufelskreis in Gang gesetzt: je mehr Schwarzarbeit, je mehr Mißbrauch der Sozialversicherung, je weniger Investitionen, je mehr Auswanderung, um so höher müßten die Sätze von Steuern und Sozialabgaben steigen und um so größer würden Schattenwirtschaft, Mißbrauch, Kapitalflucht und Auswanderung. Das System bricht eher zusammen, wenn es nicht gründlich reformiert wird – und der Zusammenbruch erfolgt nicht erst im Jahre 2030, sondern viel früher.

Der Verband deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) hat im Juni 1987 ein Gutachten zur Reform der Rentenversicherung vorgestellt, das den derzeit im Bundesarbeitsministerium entwickelten Vorstellungen zugrundeliegt. Danach sollten unter anderem die Renten in Zukunft nur noch im gleichen Maße steigen wie die Nettoeinkommen der Arbeitnehmer. Das würde einen starken Anstieg der Beiträge nicht verhindern. Um ihn zu vermeiden, schlägt der VDR als erstes Heilmittel vor, den Staatszuschuß von heute knapp achtzehn Prozent auf zwanzig Prozent der Rentenausgaben anzuheben und ihn in den Folgejahren entsprechend der Entwicklung der Rentenausgaben und des Beitragssatzes fortzuschreiben. Dies würde bedeuten, daß der Staatszuschuß im Jahre 2030 auf über dreißig Prozent der Rentenausgaben stiege. Das ergäbe nach der Projektion des VDR einen Anstieg des derzeitigen Bundeszuschusses von rund 27 Milliarden auf 502 Milliarden Mark im Jahre 2030. Wie die Bundesregierung solche .abenteuerlichen Summen finanzieren soll, wird nicht gesagt.

Das zweite Wundermittel der Reformer – neben dem Staatszuschuß – heißt Wirtschaftswachstum. Nach der optimistischen Variante der Projektion des VDR soll sich das Sozialprodukt – bei schrumpfender Erwerbstätigkeit – bis 2040 real gut verdreifachen; nach der pessimistischen Variante verdoppelt es sich knapp. Ein derartiges Hantieren mit exponentiellem Wirtschaftswachstum auf ein halbes Jahrhundert ist schlicht ökonomische Kaffeesatzleserei. Es läuft obendrein gegen alle historischen Trends. Selbst um die pessimistische Variante erreichen zu können, brauchen wir eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung, einen Rückgang der Arbeitslosigkeit, eine Steigerung der Ausrüstungsinvestitionen und eine Beschleunigung des Produktionswachstums sowie eine Normalisierung der Geburtenraten.

Die Vorschläge des VDR selbst werden all diese schönen Entwicklungen verhindern. Wie soll es zu einer Erhöhung der Geburtenraten und der Kapitalbildung kommen, da an der Konstruktion des Systems, das individuelle Rationalität in kollektive Irrationalität verwandelt, nichts geändert wird? Wie sollen die Ausrüstungsinvestitionen zunehmen, da doch die Steuerlast in abenteuerliche Dimensionen wachsen muß? Wie kann die Produktivität steigen, wenn nicht mehr investiert wird? Wie läßt sich eine höhere Erwerbsbeteiligung erwarten, wenn die Abzüge vom Lohn die Schwarzarbeit immer attraktiver machen? Wie kann man auf eine Beseitigung der Arbeitslosigkeit hoffen, wenn für den größeren Teil der Erwerbsfähigen Arbeitslosigkeit plus etwas Schwarzarbeit viel lohnender wird als reguläre Arbeit? Bis zum Jahre 2035 wird sich das Arbeitsvolumen etwa halbieren. Um das Sozialprodukt auch nur konstant zu halten, ist ein Produktivitätszuwachs von rund zwei Prozent jährlich erforderlich. Diesen Zuwachs haben wir bereits in den achtziger Jahren kaum noch erreicht.

Die sich aus der Veränderung der Altersstruktur ergebenden unvermeidlichen Opfer müssen gleichmäßig zwischen Rentnern, Beitragszahlern und Steuerzahlern geteilt werden. So griffig und plausibel diese Formel des Bundesarbeitsministers auch erscheint, sie ist eher geeignet, die Tatsachen zu verschleiern.

Rentner, Beitragszahler und Steuerzahler sind die gleichen Personen – nur jeweils in anderen Lebensaltern. Das, was für die Gerechtigkeit zählt, ist die Verteilung zwischen verschiedenen Generationen. Und da sieht es nicht mehr so ausgewogen aus: Diejenigen, die heute alt sind, haben niedrigere Beiträge und niedrigere Steuern für ihre Alterssicherung gezahlt, und sie bekommen eine hohe Rente. Wer heute jung ist, wird jetzt schon als Beitrags- und Steuerzahler geschröpft und bekommt später dann aller Voraussicht nach eine niedrigere Rente. Kurz: Hinter der scheinbar so gerechten Formel verbirgt sich die Ausbeutung der Jungen, der Kinder und der Ungeborenen durch die Alten. Die Bruchstelle dürfte zwischen vierzig und fünfzig Jahren liegen. Wer heute über fünfzig Jahre alt ist, der profitiert, wer unter vierzig ist, zahlt zu – je jünger, um so mehr.

In Wahrheit kann überdies von einem Opfer der heutigen Rentner keine Rede sein. Dieses angebliche Opfer besteht hauptsächlich darin, daß die Bruttolohnanpassung der Renten durch die Nettolohnanpassung ersetzt wird, daß die Renten in Zukunft also nicht mehr schneller steigen als die Aktiveneinkommen, wie das in der Vergangenheit der Fall war.