Die Vereinigten Staaten stehen im Prinzip vor demselben Problem wie die Bundesrepublik. Nur ist es dort um einige Nummern kleiner: Die öffentlichen Renten sind geringer, sie umfassen einen kleineren Teil der Bevölkerung, und die Geburtenrate liegt um etwa, die Hälfte über der unsrigen. Man kann sich aber kaum einen schärferen Gegensatz als den zwischen amerikanischer und deutscher Politik in dieser Frage vorstellen. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hatte kurz nach seiner Wahl eine Expertenkommission unter Leitung des heutigen Notenbankpräsidenten Allan Greenspan eingesetzt, um das Problem zu lösen. Nachdem der Bericht vorlag, wurde unverzüglich politisch gehandelt. Die amerikanische Rentenreform von 1983 legt fest, daß vom Jahre 2003 an die Lebensarbeitszeit stufenweise auf 67 Jahre angehoben wird. Darüber hinaus wird schon jetzt ein Kapitalstock gebildet, um die kommende Generation zu entlasten. Egal wie man zu diesem Vorschlag im einzelnen auch stehen mag, in der Zeit, als die Amerikaner im Interesse der Zukunftssicherung verantwortlich gehandelt haben, wurden bei uns noch Rückzugsgefechte um die Bruttolohnformel geführt. Und danach ist die Rentenversicherung noch weiter mit Witwerversorgung, Trümmerfrauenrente, Erziehungszeiten und Vorruhestand zusätzlich belastet worden. Inzwischen soll reformiert werden, aber doch nur mit Blick auf die im Jahre 1991 drohende Pleite. Dabei wurde das entschlossene und verantwortungsvolle Handeln der Amerikaner nur durch einen relativ geringen Problemdruck ausgelöst.

Tatsächlich sind nun tiefe Schnitte nötig. Wir müssen nicht nur die flexible Altersgrenze in der heutigen Form abschaffen. Wir müssen darüber hinaus die Lebensarbeitszeit verlängern. Wer sich früher zur Ruhe setzt, der muß einen versicherungsmathematisch kalkulierten Abschlag hinnehmen (das sind, je nach Alter, rund fünf bis sieben Prozent pro vorgezogenem Jahr). Wir werden darüber hinaus das Nettorentenniveau absenken müssen.

Das bedeutet freilich nicht, daß die Renten sinken, sondern nur, daß sie langsamer steigen sollen als die Nettoeinkommen der Aktiven. Ein größerer Teil der Altersvorsorge muß durch Vermögensbildung erfolgen. Auf diese Weise würden erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die Wirtschaft wachsen kann. Steuern und Sozialversicherungsbeiträge können geringer gehalten werden. Die Versuchung zu Schwarzarbeit und Mißbrauch des Sozialversicherungssystems wird nicht unwiderstehlich. Auf der anderen Seite schaffen vermehrte Kapitalbildung und zusätzliche Investitionen Arbeitsplätze. Produktivität und damit die Einkommen, aus denen die Abgaben gezahlt werden können, steigen. Schließlich wird durch Kapitalbildung das unvermeidbare Opfer geringer gehalten: Einzahlungen in die Rentenversicherung werden sich in Zukunft immer weniger und schließlich sogar negativ verzinsen. Am Kapitalmarkt dagegen kann der Versicherte einen beachtlichen Realzins kassieren. Bei gleichen Aufwendungen kann also durch Kapitalbildung eine wesentlich höhere Rente erreicht werden als im Umlageverfahren der Rentenversicherung. Die Familien mit Kindern sollten in dem Umfang entlastet werden, in dem ihre Erziehungsanstrengungen den Kinderlosen zugute kommen.

Wir haben nur noch wenige Jahre Zeit, um die Reform der Altersvorsorge zustandezubringen. In zehn bis zwölf Jahren ist das Problem unlösbar geworden – politisch, weil dann die Alten einen gewaltigen Stimmenblock stellen, wirtschaftlich, weil die aktive Generation die dann notwendigen Zusatzlasten nicht mehr tragen könnte, rechtlich, weil in die dann neu entstandenen Renten und Rentenanwartschaften nur noch geringfügig eingegriffen werden könnte.

Bleibt unser Sozialsystem unverändert, dann ist der ungünstige, aber keineswegs unwahrscheinliche Fall der, daß Steuern und Abgaben ins Unerträgliche steigen und diese immer höheren Abgabelasten mit einem schrumpfenden Volkseinkommen zusammentreffen. Die Bundesrepublik altert und verarmt gleichzeitig. Diese Katastrophe ist nicht sicher. Im Laufe der nächsten vierzig Jahre kann es günstigere Entwicklungen geben, die wir jetzt noch nicht vorhersehen können. Aber: Obwohl die Wahrscheinlichkeit gering ist, daß ein Schiff sinkt, muß es für diesen Fall durch Mitnahme von Rettungsbooten vorsorgen. Auch im Wirtschafts- und Sozialsystem können wir nicht darauf vertrauen, daß ein Deus ex machina als Retter auftaucht. Andernfalls verhielten wir uns wie ein Autofahrer, der mit hoher Geschwindigkeit in eine ihm unbekannte Kurve fährt: Ist die Kurve weit, dann kommt er ungeschoren davon; ist sie eng, dann verunglückt er. Die Aufgabe besteht daher darin, den Katastrophenfall nach menschlichem Ermessen auszuschließen.