Es ist mehr als zehn Jahre her, daß Wolfgang Max Faust, damals noch Berliner Student, heute Kunstkritiker und -promoter, aus eigener schmaler Brieftasche eine kleine Broschüre publizierte, Resultat einer Umfrage, die er in seiner Alltagsumwelt zur Definition von Kunst veranstaltet hatte. Kunst sei ein „abgewirtschafteter Begriff“, stand da (aus professoralem Mund), oder: Kunst sei „etwas Schönes zu schaffen – mit Leichtigkeit, weil man dazu begabt ist“ (Else S., eine Angestellte), sei „ein durch die Brille eines Temperaments betrachtetes Stück Schöpfung“ (Willi M., Klempnermeister), schlicht „Ausdruck in Vollendung“ (Nina K., Sekretärin), „gute Musik, Theater, Bilder“ (Inge F., Kosmetikerin) oder „etwas was man nicht definieren kann“ (Lisa O., Kauffrau). Die originellste Antwort floß aus einem Arbeiterkugelschreiber und wurde deshalb als Aufmacher auf die Titelseite gerückt: „Die deutschen Wörter ‚Kunst‘ und ‚Liebe‘ haben zu viele Bedeutungen. Spielt ein Musiker auf einer Trompete Klarinette, so nennt man das Kunst und 10 000 kopieren dieses Verhalten. In Deutschland ist alles Kunst, nur der Kunsthonig nicht“.

Originelle Einfälle gehen nicht unter: sie kommen an unterschiedlichem Ort und zu unterschiedlichem Zeitpunkt immer mal wieder zum Vorschein – und verblüffen erneut! Das ist der Fall mit dem eben bei DuMont unter dem Titel „Was ist Kunst...?“ veröffentlichten Taschenbuch. Anders als Faust sondiert der Herausgeber Andreas Mäckler allerdings nicht im eigenen – trivialen – Lebensbereich, sondern präsentiert von der Antike herauf bis in die unmittelbare Gegenwart quer durch alle mögliche schöne Literatur, Philosophie, Essayistik, Aphoristik, Kunstkritik etcetera eine eintausenundachtzig Einzelzitate umfassende Blütenlese, die – wie nicht anders zu erwarten – das Widersprüchlichste in sich versammelt. Wie kaum ein anderer Begriff hat gerade der der „Kunst“ seit jeher die verschiedensten Besetzungen erfahren und ist im Streit der Meinungen gestanden, und eben dies macht seinen Reiz und die Verwirrungen aus, die er stiftet.

Das Buch setzt mit Aristoteles ein. „Die Kunst also ist – wie gesagt – eine auf Hervorbringung gerichtete Haltung...“ – und endet mit Timm Ulrichs’ „ENTGÜLTIGER schtellunkname: di geschichte aines forurteils, es gibt keine Kunstwerke’ nur gegnschtende künstlerischer (estetischer) betrachtungswaise“.

Dazwischen tummelt es sich, hüpft hierhin und dorthin: „Kunst ist eine Inhaltsfrage“ (Goethe), „Kunst ist eine Polarisation: ihr Funke schlägt über von der sich entfremdenden, in sich hineingehenden Subjektivität auf jenes nicht von der Rationalität Veranstaltete, jenen Block zwischen dem Subjekt und dem, was einmal in der Philosophie das Ansich hieß“ (Adorno), „Kunst ist eine Art Aufruhr“ (Picasso), „Kunst ist ein hartes Geschäft, und man geht drauf oder man schafft’s“ (Spoerri). Hier ist die Kunst reinster Ausdruck der Wahrheit, dort – ganz konträr – gleichbedeutend mit Lüge, mal definiert sie sich konservativ, mal revolutionär, mal gleichgesetzt mit „Leben“, mal ferngerückt als „Ideal“, mal „in allen ihren Phasen ein gesellschaftliches Phänomen“ (Luka’cs), mal esoterisch bis dorthinaus. Schade, daß der Herausgeber für diesen Wirrwar keine adäquate Struktur gefunden hat, sondern sich in seinen Kapitelüberschriften doch wieder an alte Ordnungskategorien wie „Kunst als Natur“, „Kunst als Wissenschaft“, „Kunst als Schönheit“, „Kunst als Politikum“ gehalten hat; auch stellt man beim genaueren Hinsehen etwas enttäuscht fest, daß im Nachweis der Zitate, mit dem man doch noch einmal eine eigene vertrackte Fährte hätte legen können, des öfteren etwas unbeholfen aus zweiter, dritter und vierter Hand zitiert wird.

Das mindert jedoch den Reiz der Unternehmung nicht allzusehr, weil sich jeder Leser ja seine eigene Schneise durch dieses Zitatengestrüpp ziehen oder sein eigenes Labyrinth anlegen kann. Wer das Buch zur Hand nimmt, darin hin- und herblättert, sich festliest und dabei feststellt, daß die eigene Auffassung von Kunst in dieser Publikation noch keinen Niederschlag gefunden hat, ist aufgefordert, die entsprechende Formulierung möglichst rasch zu Papier zu bringen und an den – in der Kunstpublizistik der Bundesrepublik führenden – DuMont-Verlag zu schicken; ich selbst mache (mich eines Beitrags für ein Symposium zum Thema „Wozu überhaupt Kunst?“ im Jahre 1979 entsinnend) den Anfang – auf „gut hessisch“, versteht sich: „Wozu überhaupt KUNST? bist a depp, bist a trottel, vastehst nix vonna nix: weil ma net allaweil nua essa, supp schlürfa, knödla essa, kraut essa, fleisch essa, fleisch fressa, knödla fressa, sauffa, bier sauffa, wein sauffa, schnaps sauffa, vögla (allaa, zu zwett, zu dritt), arbeita, schuffta, de arm ausrenka, schwitza, mied sein, hungrig sein, dositza, die Zeitung lesa, fernsehn gucka, schlofa, träuma, uffsteha, mied sein, arbeita, essa, trinka, fressa, sauffa, weil ma net allaweil nua vögla kaa, daderzu is KUNST da!“ Karl Riha

  • Was ist Kunst...?

1080 Zitate geben 1080 Antworten; herausgegeben von Andreas Mäckler; Du Mont, Köln 1987; 231 S., 16,80 DM