Hamburg

Für das zweite Hamburger „Festival der Frauen“, das am vergangenen Sonntag zuende ging, gab es noch mehr Geld. Es gab noch mehr Veranstaltungen. Nur das Publikum steigerte sich nicht. Schon bei der Eröffnungsveranstaltung auf dem Rathausmarkt gab es keine dichtgedrängte Menge wie beim erstenmal vor zwei Jahren, sondern leere Bänke. In Hamburg hat darüber der alte Streit neuen Stoff bekommen: Kann ein „Festival der Frauen“ ohne Feministinnen auskommen? Die Veranstalterinnen – Irmgard Schleier, Hamburger Chorleiterin, Eva Mattes, Schauspielerin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, und Helene Vida-Liebermann, Autorin und Ehefrau von Rolf Liebermann – finden: Ja. Die sich zur autonomen Frauenbewegung zählenden Hamburgerinnen finden: Nein.

Als die Stadt vor zwei Jahren der Subventionierung eines „Festivals der Frauen“ zustimmte, wollten die daran wesentlich beteiligten Rathaus-Politikerinnen aller Fraktionen für vier Wochen Künstlerinnen den Raum schaffen, den sie die übrigen 48 Wochen im Jahr nicht haben. Von rund 40 Veranstaltungen präsentierten jedoch in diesem Jahr nur 20 Aufführungen Werke von Frauen, dargestellt von Frauen. Die anderen 20 Veranstaltungen entsprachen dem üblichen Kulturbetrieb: Sängerinnen, Schauspielerinnen trugen die Arbeiten von Männern vor.

Zum Beispiel der „Canto General“. Fraglos ein eindrucksvolles Friedens-Stück. Das künstlerische Produkt einer politischen Männerfreundschaft: Mikis Theodorakis (Musik) und Pablo Neruda (Text). Daß der „Canto General“ Frauen im Kontext von Gewalt und Korruption ausschließlich als Mütter von Soldaten beschreibt, ist genau die poetische Reduzierung der Frau durch Männer, die von Frauen abgelehnt wird. Die Veranstalterinnen störten sich daran nicht.

Zum üblichen Kulturbetrieb gehörte auch die berühmte Jeanne Moreau; genauso wie das Theater-Gastspiel aus Bochum mit „Süden“ von Julien Green; wie das NDR-Jazzkonzert mit Barbara Thompson; die auf unterschiedlichen Veranstaltungen vorgetragenen Lieder aus Lateinamerika, der Türkei, Norwegen und Spanien; das Gospel-Konzert und die Abschlußveranstaltung, auf der Lieder und Chansons aus drei Jahrhunderten präsentiert wurden. Es waren erfolgreiche Abende. Man ging zufrieden nach Hause. Aber was hatten sie mit einem Frauenfestival zu tun?

Daß von den zwanzig Veranstaltungen, die einem „Festival der Frauen“ in etwa entsprachen, zwei kurzfristig abgesagt werden mußten, weil so gut wie kaum eine Karte verkauft worden war („Taxi-Solo“ – Performance der Musikerin Joelle Leandre, und eine Lesung mit Texten von Sylvia Plath), hatte nur einen Grund: sie gingen unter in dem üblichen Kulturbetrieb, von dem sie auf diesem „Festival der Frauen“ genauso umzingelt waren, wie sonst auch. Zu entdecken gab es kaum etwas. Die Plattform, die ihnen das „Festival der Frauen“ hatte schaffen sollen, war erdrückend besetzt von den „Zugpferden“.

Darum fanden auch die Aufführungen „Rodeo“ und „Vegetal“ der Mundial Sisters aus Paris vor nahezu leerem Haus statt. Zum Beispiel „Rodeo“ mit dem Untertitel „Life-steak-show“, der Arbeitsalltag einer Prostituierten im Schaufenster eines Bordells. Die fast ohne ein Wort pantomimisch dokumentierte Würdelosigkeit einer Frau.