Von Ralf Dahrendorf

Hans-Ulrich Wehler hat den ersten beiden Bänden seiner großen "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" jetzt eine Sammlung von Aufsätzen mit auf den Weg gegeben, die für den Wehler-Anfänger eine vorzügliche Einführung, für den Wehler-Kenner eine willkommene Ergänzung liefern. In dem Buch

  • Hans-Ulrich Wehler:

Aus der Geschichte lernen? C. H. Beck Verlag, München 1988; 323 S., 38,– DM

sind zwanzig nach Art, Anlaß und Umfang unterschiedliche Stücke versammelt, die zumeist um die Frage kreisen: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Gesellschaftsgeschichte? Die Lektüre informiert, vor allem über Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland im 19. Jahrhundert, sie stimmt nachdenklich, so über die "deutsche Frage", die Nation, den Liberalismus, und sie regt an. Der Kern des Buches aber liegt in zwei Aspekten, nämlich Wehlers Methode und Wehlers Absicht, die beide erwähnenswert sind.

Die Beziehung von Geschichte und Theorie war selten glücklich; vielleicht kann sie es nicht sein; Das Besondere und das Allgemeine sind nun einmal zwei verschiedene Perspektiven auf Erfahrung. Selten, ganz selten hat ein bedeutender Autor sie ernsthaft zusammenzubringen versucht, Max Weber zum Beispiel, an den Wehler sich emphatisch anschließt; selbst dann liegen die Schwierigkeiten auf der Hand. Nicht zufällig ist Webers Werk ein Steinbruch, aus dem viele sich die Materialien holen, um Straßen zu bauen oder auch Paläste, der aber als solche keine Gestalt hat. Manchmal, in der "Protestantischen Ethik" etwa und vielleicht überhaupt in der Religionssoziologie, oder in "Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland", hat Weber selbst aus seinem Steinbruch mächtige Gebäude konstruiert.

Daran ist zu erinnern, weil auch bei Wehler die Spannung von historischem und theoretischem Temperament eher fruchtbar als auflösbar wird. Manchmal fragt man sich, ob seine Geschichtsdarstellung nicht ein wenig zu allgemein bleibt und nach seinem Ansatz auch bleiben muß, ein Luftkissenboot der Präsentation, das zwar die Erschütterung des Bodens mitteilt, aber doch von ihm abgehoben hat. Umgekehrt, wenn Wehler abstrakt argumentiert, erkennt man rasch jenes methodische Unding, das doch so wirkungsstark sein kann, die "Theorie des mittleren Bereichs". Jede äusserste Allgemeinheit wird sogleich an Hand von Erfahrung relativiert. Die Klassen (zum Beispiel) sind Realgruppen und zugleich Konstrukte und sind dann vor allem nützlich, um Prozesse der Strukturierung zu beschreiben. Aus abgesunkenen Stadtbürgern, beamteten Bildungsbürgern, regierungsunmittelbaren "Staatsbürgern" und neuen Besitzbürgern entsteht als eine Art Fluchtpunkt so etwas wie eine bürgerliche Klasse... Das ist Analyse im allerbesten Sinn des Begriffs. Es ist erfahrungsgesättigte Nachdenklichkeit, auch begriffsscharfe Empirie. Es ist zugleich weder in einem klassischen Sinn Geschichtsschreibung noch in einem strengen Sinn Theorie. Wehler hat hier ein Verfahren entwickelt, das sich wahrscheinlich immer nur umschreiben, oder auch in der Anwendung bewähren, nicht aber als Methode darstellen läßt.