Der Untertitel der Anthologie „Stimmen und Texte einer anderen Literatur aus der DDR“ dürfte kaum einhellig akzeptiert werden – nicht im Westen, weil er manchem zumindest in ästhetischer Hinsicht konservativ gestimmten Literaturexperten das vertraute und so handliche Bild von der literarischen DDR-Landschaft kaputt zu machen verspricht; und auch nicht in der DDR, weil er, als Signal eines eventuellen „Bruchs“ und einer Frontenbildung, den Gedanken an eine politische „Opposition“ nahelegt. Am besten, man vereinigt sich zu einer neuerlichen Chorprobe: Vermutlich sei das keine „andere“, sondern überhaupt keine Literatur, bestenfalls irgendetwas „Vorliterarisches“ (im Unterschied etwa zu den Werken Ulla Hahns hier, Eva Strittmatters dort).

Der Rezensent, in den Traditionen solcher korinthenkackerischen quasi literarhistorischen Grundsatzentscheidungen „aufgewachsen“ will gestehen, daß auch er den Untertitel als möglicherweise werbewirksamen Gag verdächtigt hat; nicht zu lange... Er wußte es ja vorher und sieht es nach einigen Anfangsschwierigkeiten bei der Lektüre bestätigt: Bert Papenfuß-Gorek, Rainer Schedlinski, Sascha Anderson, Stefan Döring und ihre Kompatrioten aus der Generation der heute Dreißig- bis Fünfunddreißigjährigen (re)präsentieren zweifellos eine „andere“ DDR-Literatur; sie sind „anders“ allein schon aufgrund des für die DDR unerhörten (und auch dort noch kaum begriffenen) Faktums, daß sich eine ganze, inzwischen schon recht breite und an unterschiedlichsten Temperamenten reiche Literatur-Formation seit mehr als einem Dezennium kontinuierlich weiterentwickelt und qualifiziert, fern den Verlagen und ferner noch dem Schriftstellerverband und verwandtem staatlichen Zugriff.

Entscheidender noch als das „andere“ unter solchen nicht immer gemütlichen Bedingungen herausgebildete theoretisch-poetologische Selbstverständnis dieser Plejade, wie es sich in den seit 1980 florierenden zahlreichen in der Regel hektographierten little mags artikuliert, ist die schroffe Abwendung „von dem Rest der Literatur“ in der DDR, zum Beispiel auch in den ergebnisreichen klassik-orientierten ästhetischen Standards der sogenannten „Mittleren Generation“ (der heute fünfzig- bis fünfundfünfzigjährigen Kirsch, Mickel, Czechowski usw.).

Die Neutöner

Der 1929 geborene Gerhard Wolf meinte in seinen „Wiener Vorlesungen“ von 1986: „Es läßt sich vermutlich nicht eindeutig begründen, warum zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, kaum vorhersehbar, junge Leute in der Kunst eine andere Tonart anschlagen, weil sie anders sehen und hören, anders empfinden und demzufolge anders schreiben als andere vor ihnen ...“ Wie sehr anders, das demonstriert der 27 Jahre jüngere Rainer Schedlinski im Gespräch mit Egmont Hesse: „Ja, gerade in der ostberliner Lyrik der letzten Jahre gibt es viele Versuche, die Dinge in anderer Sprache neu zu denken... Papenfuß zerlegt die Sprache in kleinste monemische Einheiten, die sich dann untereinander, vom Text gereinigt, neu vermitteln lassen. Bei Döring finden digitalisierte, dialektische Kettenreaktionen statt, bei denen ein Wort das nächstliegende umbringt. Koziol arbeitet mit der Mechanik der Floskeln.“

So hat bislang noch niemals ein Dichter der DDR über das Dichten gesprochen (und Schedlinski ist ein Dichter, ein beachtlicher außerdem!), was nicht heißen will, daß uns diese Sprache ganz und gar fremd wäre. Der Poststrukturalismus und neben ihm andere neugallische Denkschulen haben auf dem Feld der Theorie so gründlich und fast alles andere verdrängend Wurzel geschlagen, daß es einen schon wieder mißlaunig stimmen könnte. Das gilt in verstärktem Maß für die vorliegende Anthologie, doch im allgemeinen auch für so gut wie alle Kleinzeitschriften des Kreises, auf deren dreijährige Arbeit die Anthologie letztendlich zurückgeht. Darunter die Berliner Schaden, der Dresdner Und, der Sinn und Form des „Underground“ namens Mikado, länger als ein halbes Jahrzehnt herausgegeben von Lothar Trolle, Bernd Wagner und Uwe Kolbe, sowie die ariadnefabrik weite Person Anschlag und Verwendung.

Vor dem Hintergrund dieses Blätterwäldchens und von seinem Gezirpe und Rauschen begleitet, zeichnen sich freilich in letzter Zeit mehrere Wege ab, darunter einige, die ins Abseits des Sektiererhaften und Dumpf-Provinziellen führen mögen: Bis zu einem gewissen Grad möchte ich diese Befürchtung auch auf den Herausgeber von „Sprache und Antwort“, Egmont Hesse, bezogen wissen, dem der Glitzerkram der Luftikusse, der Poeten und Literaten, recht eigentlich verhaßt zu sein scheint. Da heißt es etwa: „Es läßt sich (leider) nicht leugnen, daß das Schreiben u.a. an Worte gebunden ist“.