Helmut Kohl setzt die Brille ab und reinigt umständlich seine Pfeife. Lothar Späth bleibt (ausnahmsweise) auf seinem Stuhl sitzen. Die Delegierten legen ihre Zeitungen weg. Kurt Biedenkopf redet. Die Brille tief auf der Nase, den Finger hoch gereckt, hält er eine glänzende Philippika gegen das Rentenreformkonzept der CDU und für sein Modell einer Grundsicherung.

Aber er bürstet seine Zuhörer auch ab. Sind sie denn wirklich nicht bereit, einmal, wenigstens diesmal, „gedanklich in die Tiefe zu gehen“? Er sei „zutiefst überzeugt“, daß „wir einen kardinalen Fehler machen“, fügt der Professor hinzu, würde die Rentenreform so wie vorgesehen beschlossen. Im übrigen: Es werde auch nicht funktionieren, „egal was wir beschließen“. Hinterher haben dann beim „kleinen Parteitag“ der CDU alle einstimmig Blüms Rentenkonzept zugestimmt.

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Jetzt bereitet der Auftritt Oskar Lafontaines bei der Vorstellung des Buches über Hans-Dietrich Genscher (Autoren: Filmer und Schwan) der SPD-Spitze einiges Kopfzerbrechen. Zuerst sollte die kleine Laudatio, die Lafontaine im Presseclub halten wollte, dem Buch ein bißchen politische Würze geben – und für Gesprächsstoff in Bonn sorgen. Aber nun ist das Buch selber zum Politikum geworden.

Soll Oskar, fragen sich die Genossen, bei der Vorstellung eines Buches mitmachen, das Genscher von der Verantwortung in Sachen Koalitionswechsel (1982) freispricht (Helmut Schmidt: „ehrenrührig“) und die These vertritt, der damalige Kanzler habe die Sache vorangetrieben? Nur, ein Rückzug in letzter Sekunde sähe nach Berührungsangst aus. Mit Genscher hat die SPD obendrein längst ihren Frieden geschlossen. Und zu Lafontaine, der zur Politik ja ein spielerisches Verhältnis hat, würde es schon gar nicht passen.

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Sie sei „tief betroffen“, hat SPD-Geschäftsführerin Anke Fuchs kürzlich erklärt, weil Helmut Kohl dem DGB ein feindschaftliches Verhältnis gegenüber der Regierung unterstelle. Sie wirkte sichtlich aufgeräumt und vergnügt, als sie das sagte. Lauter Betroffene saßen vergangene Woche auch im Parlament, als es um die Katastrophe von Ramstein ging. Ein bißchen weniger Betroffenheits-Lyrik, mit der wir überschwemmt werden, und ein paar konkretere Konsequenzen – das würde mehr Aufschluß darüber geben, ob jemand wirklich „betroffen“ ist.