Manisch

Im Boxring schlägt Mike Tyson andere Boxer, zu Hause schlägt er auch mal seine Frau. Auf einem Hotelparkplatz hat er kürzlich einen ehemaligen Gegner niedergestreckt. Zuletzt hörten wir von ihm, er habe versucht, sich selbst k.o. zu schlagen. Ein kleiner Unfall mit dem Auto wurde von Journalisten als Selbstmordversuch interpretiert. „Alles Quatsch“, sagte der Schwergewichts-Boxweltmeister.

Lang ist die Reihe der Erklärungsversuche seiner beängstigenden Faustarbeit; die New York Post glaubt jetzt zu wissen, daß die schweren rechten Haken des „eisernen Mike“ aus der Schwermut seiner Seele kommen. „Tyson ist manisch depressiv.“

Darauf war bisher noch keiner gekommen. Schon gar nicht jene, die im Ring oder auf der Straße oder zu Hause mit ihm zu tun hatten. Dabei hätte man es eigentlich wissen müssen, denn von seiner frühesten Kindheit bis zu den Hintergründen seiner Heirat mit einem weißen Photomodell blieb kein Winkel seines Lebenslaufes unbeleuchtet.

Das Photo beispielsweise, auf dem Mike Tyson eine weiße Taube vor seinen muskulösen Brustkasten hält, hätte jedem die Erkenntnis nahelegen müssen: Der Mann ist in Wahrheit wie ein gekochtes Ei, außen hart, innen weich.

„Ich bin mit dieser Krankheit geboren worden“, läßt die New York Post den Champion sagen. „Vielleicht bin ich deshalb so erfolgreich. Ich kann es nicht ändern.

Mike Tyson war bei Geburt arm, jetzt ist er reich – mit einem Jahresverdienst von 45 Millionen Dollar ist er einer der zehn bestverdienenden Amerikaner. Einst war er Straßenräuber, heute ist er ein Star. Um ihn von seiner Kranheit zu heilen, die ihn immer wieder und überall zuschlagen läßt, so enthülllte jetzt das Blatt, werde er zum Psychiater gehen. Als Boxweltmeister zurücktreten will er nicht. Aber wird er – geheilt – auch einer bleiben können?