Donnerstag, 22. September 1988. In der riesigen Empfangshalle des Berliner Internationalen Congress Centrums (ICC) erkennt man erfahrene Teilnehmer der Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank sofort. Sie blicken anderen zuerst auf den Bauch und entscheiden dann, ob sie grüßen. Etwas über Bauchnabelhöhe baumelt nämlich eine Erkennungsmarke, die Auskunft über Person, Arbeitgeber und Funktion eines jeden Teilnehmers gibt. Ohne diese Hundemarke ist man nichts, gehört nicht dazu, kommt man nicht einmal in die Nähe des ICC. Erst mit dieser Karte ist man „Bonze oder Boß oder Büttel der Hochfinanz“, wie die Gegner der Berliner Jahrestagung der beiden Finanzinstitutionen die anreisenden Politiker, Bankmanager und Journalisten gebrandmarkt haben.

Freitag. Die Jahrestagung hat einen zähen Start. Journalisten hocken in den ihnen zugewiesenen Räumen und warten darauf, daß es losgeht. Politiker und Notenbankgouverneure tagen in kleinen Gruppen hinter verschlossenen Türen. Nichts dringt nach außen – ein Glück, daß im Fernsehen die Olympischen Spiele aus Seoul übertragen werden. Sogar der Korso alternativer Berliner Taxifahrer gegen IWF und Weltbank auf dem Messedamm am ICC bleibt in dem riesigen, fensterlosen Pressesaal unbemerkt.

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Freitag, 10 Uhr, Technische Universität. Im Audimax werden Kopfhörer und drahtlose Empfangsgeräte für eine Simultanübersetzung ausgegeben. Der Saal ist dunkel, nur die Bühne wird von Scheinwerfern erleuchtet. Die peruanische Schauspielgruppe Candelaria versucht dem Publikum spielerisch klarzumachen, worum es ihnen geht: um die Ausbeutung der Dritten Welt durch die kapitalistischen Industrieländer. „IWF und Weltbank organisieren die Armut der Völker“, steht auf dem Transparent über der Szene: Eröffnungszeremonie des Gegenkongresses von rund 150 linken Organisationen. „Wir sind hier schließlich nicht im ICC“, begründet eine Sprecherin den theatralischen Auftakt.

Ein Hauch von ’68 weht durch die TU, wo damals auch der Internationale Vietnamkongreß stattfand. Im Foyer hängt ein Transparent, das Che Guevara zeigt, Fidel Castro hat eine Grußadresse geschickt, und im Audimax wird Rudi Dutschke zitiert: Jede radikale Opposition gegen das bestehende System muß notwendigerweise global sein.“ Die Eröffnungsrede hält Mauricio Rosencof, Schriftsteller und früheres Führungsmitglied der Tupamaros aus Uruguay. Die lateinamerikanische Auslandsverschuldung, 420 Milliarden Dollar, würde, in Ein-Dollar-Scheinen aufeinandergestapelt, 180mal die Entfernung zwischen Mond und Erde abdecken. Damit ist der Gegenkongreß beim Thema. Weltbank und Währungsfonds werden dort nur als Repräsentanten für die verhängnisvollen Funktionsprinzipien des Kapitalismus begriffen. Nicht nur gegen den Kongreß im ICC, sondern „zentral gegen den Kapitalismus selbst sowie gegen dessen lebensvernichtende Auswirkungen“ geht die Richtung.

In der Abschlußerklärung wird eine umfassende Schuldenstreichung gefordert und darüber hinaus als Wiedergutmachung für „koloniale und neokoloniale Ausbeutung Reparations- und Entschädigungszahlungen“. Die Frage, ob IWF und Weltbank abgeschafft oder reformiert werden sollen, bleibt unbeantwortet.

Freitag, 11 Uhr, Technische Universität. „Pressekonferenz“ der Autonomen in der „AStA-Villa“, einem abbruchreifen Altbau auf dem Campus der TU: Nichts deutet darauf hin, daß die Autonomen und Antiimperialisten ihre Drohung wahr machen und versuchen, den Kongreß zu verhindern. Acht „Delegierte“ – die Frage nach ihrem Namen wird mit einem halb höhnischen, halb schüchternen Grinsen zurückgewiesen – versuchen, dreißig Journalisten klarzumachen, worum es ihnen geht: Man wolle den Kongreß „politisch verhindern“, sagt ein hennaroter Endzwanziger, und dies sei ja eigentlich bereits geglückt. Der Berliner Senat könne die Jahrestagung nicht mehr als „Propaganda-Show“ auswerten – „politisch ist der Kongreß schon tot“.