Nach der frühen Ankunft im Zielbahnhof, so erzählt Heinz Ohff, stellt British Rail seine Schlafwagen aufs Abstellgleis, um die Fahrgäste dann mit Tee und Keksen zu einer menschlichen Zeit zu wecken. British Rail, meldet Peter Nonnenmacher, schafft die zweite Klasse ab – nein, nicht die Sache, nur den Namen: „Standard“ klingt besser.

• „Das blau-rote Königreich. Nachrichten und Geschichten aus Britannien“; Peter Nonnenmacher; Luchterhand, Darmstadt 1988; 255 Seiten, 18,80 Mark.

• „Gebrauchsanweisung für England“; Heinz Ohff; Piper, München 1988; 175 Seiten, 19,80 Mark.

Auch wenn sie dasselbe Thema haben, was und wie die beiden anglophilen Journalisten („verangelsachst“ nennt Nonnenmacher sich gar) schreiben, ist sehr verschieden. Ja, manchmal scheint es in den beiden recht persönlichen Büchern – die Ergänzungen zu den üblichen Reiseführern sind – gar nicht um dasselbe Land zu gehen. Ohffs Eng(el)land ist für Nonnenmacher Thatcherland. Wenn Ohff, ehemals Feuilletonleiter des Berliner Tagesspiegels, das Nord-Süd-Gefälle des Landes erwähnt, dann meint er den Temperamentsunterschied zwischen kühlen Südengländern und gastfreundlichen Schotten. Nonnenmacher, Korrespondent der Frankfurter Rundschau und der Badischen Zeitung dagegen meint die wachsende Kluft zwischen den „zwei Nationen“, die inzwischen so tief sitzt, daß Zyniker schon Städtepartnerschaften zwischen dem armen Norden und dem reichen Süden vorschlagen.

Ohff erzählt so, wie der Engländer gern fährt: im Kreisverkehr. Roundabout plaudert er; seine „Gebrauchsanweisung“ ist nicht so systematisch (und dadurch auch nicht so praktisch und informativ) wie die schon fast legendäre von Paul Watzlawick für Amerika, in der der Psychologe die anderen Sitten des anderen Landes knapp und witzig erklärt. Ohff plaudert aus dem prallen Nähkästchen seiner Erfahrungen; die Gattin liefert die Stichworte, der Zufall diktiert nicht selten die Themen. Treffend und mit Selbstironie beschreibt Ohff seine „Gebrauchsanweisung“ als (allzu) „vielfältige Mixtur aus lehrhaften Anekdoten, reiseführerhaften Hinweisen und feuilletonistisch formulierten Erfahrungstatsachen“. Ein bißchen Sprachunterricht mit Abkürzungsverzeichnis (GCB = Inhaber des Großkreuzes des Ordens von Bath), eine deftige Prise „Volkscharakterisierung“ („weitaus weniger verpimpelt als wir Deutschen“), ein paar Ratschläge (nicht mehr gebrauchte Fahrkarten dürfen verschenkt werden), eine große Portion nützlicher Hinweise – und darin liegt der Wert – für „jene kleinen Dinge, über die man am ehesten stolpert“ (Blumen als Gastgeschenk sind verpönt). Mal amüsant, mal ärgerlich ist diese bunte Gebrauchsanweisung, die das Duzen im englischen Pub empfiehlt – wo doch selbst Kanzler Kohl inzwischen das Lachen gelernt hat über jenen Witz, in dem er Maggie großzügig anbietet: „You can say ‚you‘ to me!“

Bedauernd stellt Ohff fest, daß „die chronischen Neuerer“ auch in England immer häufiger „triumphieren“; so kann er in ihnen nicht mehr als lästige Störenfriede in seinem Bild der guten alten Britenzeit erkennen. Warum die roten Telephonzellen verschwinden? „Weiß der Kuckuck.“

Der Kuckuck könnte Nonnenmacher heißen. Für ihn, der analysiert, recherchiert und nach Zusammenhängen sucht, ist das Verschwinden der roten Telephonzellen (wie das der Doppeldeckerbusse und der Schaffner und und und) nur ein besonders augenfälliges Beispiel für die große Tory-Revolution: „Plötzlich ist nichts mehr tabu.“ Der liebenswerte altmodische Charme britischer Institutionen wird längst vom Fortschritt mit brutaler Geschwindigkeit rechts überholt. Das Reiseziel ist bekannt und benannt: Stolz erklärte die Premierministerin kürzlich ihre Heimat zur „ersten postsozialen Gesellschaft“. Die Telephongesellschaft British Telecom ist nur eine von zahlreichen Institutionen, die in den letzten Jahren privatisiert wurden. Dem nationalen (Ausver-) Kaufrausch widmet Nonnenmacher eine seiner schönsten Geschichten über Britisches (wie den Kreisverkehr), Allzu-Britisches (Arbeitslosigkeit) und Nichtmehr-Britisches (wie das Kaufhaus „Harrod’s“). Die „Nachrichten und Geschichten aus Britannien“ runden sich zu einem Porträt von Thatcherland, wie man es besser und kompakter kaum auf dem deutschen Buchmarkt findet. Oft traurig, aber nicht hoffnungslos beschreibt Nonnenmacher die achtziger Jahre, in denen sich das Land so rasant verändert hat. Abwarten und Tee trinken und Hoffen auf bessere Zeiten heißt die Devise der einen, Mitmachen und Zugreifen die der anderen; am Schluß porträtiert Nonnenmacher jene, die „Kontrapunkte“ setzen, einen grünen Bischof und engagierte Kämpferinnen gegen die Atomwaffen.