/ Von Jürgen Busche

Im Jahr 1795 veröffentlichte Friedrich August Wolf in Halle die „Prolegomena ad Homerum“ als Vorrede zu seiner Ilias-Ausgabe. Er, der als Student der erste gewesen war, der sich als stud. phil. an seiner Universität immatrikuliert hatte, begründete nicht nur die „klassischen Studien“ in Deutschland neu, er begründete auch den Kampf um die homerische Frage – Einzellieder oder einheitliches Werk – als Gelehrten-Schlachtfeld für einen typisch deutschen Streit, unter dessen fruchtbaren Ergebnissen das Buch „Die Ilias und Homer“ (1916) von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff herausragt. Wilamowitz hatte eine Reihe bedeutender, durchweg selbständiger Schüler. Einer davon war Karl Reinhardt.

Bunter und intimer

Keiner der Namen aus den alten Geschichten bewahrt so sehr den Zauber der ersten Begegnung wie der Name des Odysseus. „Nenne mir, Muse, den Mann, den vielerprobten, der vielfach / wurde verschlagen, seit Trojas heilige Burg er zerstörte.“ – Wer auf diese Verse stößt, weiß schon alles Erzählte. Der kennt seit langem schon das Schicksal des Günstlings der helläugigen Göttin Athene. Von allen unvergänglichen Sagen der Kindheit verliert die Odyssee auf dem Weg zum schlichten Vorlesebuch am wenigsten, gewinnt sie auf dem späteren Weg zur Wahrnehmung der ganzen Dichtung am meisten.

Was Wunder – von allen Helden der Ilias lädt Odysseus am lebhaftesten zur Identifikation ein. Er ist nicht nur die glücklichste Gestalt des trojanischen Krieges, er ist auch die modernste Figur in den homerischen Epen. „Die Bewunderung für Odysseus und die Art des Menschlichen, die er vertritt“, schrieb vor beinahe vierzig Jahren der Philologe Karl Reinhardt, „ergibt den Maßstab, der an alles angelegt wird – sogar an die Götter: wir sympathisieren mit Athene und zittern vor Poseidon.“

Odysseus, diesen Odysseus lernten wir als Helden der Ilias kennen. Aber dieser Odysseus, den wir so bewundern, ist ebenso der Held der Odyssee, und „verglichen mit der Ilias“, bemerkt Reinhardt im selben Zusammenhang, „scheint die Odyssee von einer fortgeschrittenen Moral“. Die homerischen Epen haben zwei sehr unterschiedliche Dichter: „Den Dichter der Ilias interessiert am Menschen etwas anderes als den Dichter der Odyssee. Denn allerdings gibt es auch in der Ilias Licht und Schatten, nur auf andere Art verteilt: je weniger auf die verschiedenen Charaktere, umso mehr verteilt auf jeweils einen und denselben. In der Odyssee bleibt jeder, wie er ist. Mag sich das auch allmählich zu immer größerer Deutlichkeit enthüllen, bleibt es doch dabei. Bliebe es nicht dabei, wäre die Folge, daß der Odyssee ihre Moral abhanden käme.“

Karl Reinhardt war unter den großen Philologen kurz nach der Jahrhundertwende derjenige, der sich am nachdrücklichsten auf die Modernität des 20. Jahrhunderts einlassen wollte und eingelassen hat. Von ihm führt eine direkte gedankliche Linie zu dem gelehrten „Odyssee“-Buch, das jetzt Uvo Hölscher vorgelegt hat. Hölscher, emeritierter Professor für Klassische Philologie in München, ist der bedeutendste Schüler von Reinhardt. Seine „Untersuchungen zur Form der Odyssee“ erschienen 1939. Aus dem Nachlaß seines Lehrers gab er 1961 dessen letztes Werk, „Die Ilias und ihr Dichter“, heraus. Doch auch was den kritischen Impetus Reinhardts angeht, zeigte sich Hölscher als würdig eines solchen Lehrers: 1965 publizierte er in Taschenbuchform seine Überlegungen „Zur Situation der klassischen Studien“ unter dem Titel „Die Chance des Unbehagens“.

Mit seinem Alterswerk „Die Odyssee“ setzt Hölscher nun allerdings eine Diskussion fort, die mehr als zweitausend Jahre alt ist und seit knapp zweihundert Jahren die deutschen Philologen zu einer zuverlässigen Serie von geisteswissenschaftlichen Höchstleistungen angetrieben hat.

Schon das Altertum ließ sich von der Frage umtreiben, wer denn nun in den vertrauten Hexametern den Krieg von Troja, die Irrfahrten des Odysseus beschrieben habe. In der Neuzeit war es zuerst der Abbé d’Aubignac, der Ende des 17. Jahrhunderts die Ansicht vertrat, Homer habe nie gelebt, für die Ilias habe es nie einen einheitlichen Plan gegeben. Im 18. Jahrhundert trieben vor allem die Engländer Blackwell und Wood die Diskussion energisch voran. In Deutschland machten sie bald Lessing, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schlegel zu ihrer Sache.

So ist Hölschers „Odyssee“ nicht nur ein Alterswerk des 1914 geborenen Gräzisten. Es ist auch ein Alterswerk seiner Wissenschaft vor dem Hintergrund einer einzigartigen glanzvollen und

gelehrten Diskussion seit den Tagen der deutschen Klassik. Es ist ein Alterswerk, auch in der Klarheit der Zugänglichkeit. Das Buch ist einfach zu lesen. Hölscher verfügt so souverän über die Fragen seiner Homer-Lektüre, daß er sie nicht mehr aufs Podest stellen muß, um sich oder seine Leser zu beeindrucken. Fast gleicht der gelehrte Autor einem alten Bildhauer, der die Besucher durch sein überfülltes Atelier führt und mit legeren Bewegungen den Reichtum um sich herum herunterspielt.

Hölscher beginnt mit einer verschlungenen Darbietung eines alten Themas, der Differenz zwischen Ilias und Odyssee – aus ihr ist früher auch die Frage entwickelt worden, ob der Ilias-Dichter oder ein ihm ebenbürtiger Autor zwar für die Odyssee gleichsam das Kern-Gedicht geschrieben habe, das uns vorliegende Epos aber seine uneinheitliche Gestalt einem späteren Bearbeiter verdanke. Wolf gang Schadewaldt etwa hatte geschrieben: „Die beiden Schichten, die ich zu sehen glaube, folgen zeitlich kurz aufeinander, und der Dichter B mag nur durch eine Generation von A getrennt sein. Jedoch er blickt anders in die Welt... Wir können ihn (mit Schillers Terminologie) den ersten sentimentalischen Dichter nennen während der ältere Dichter A den Grundtypus des naiven Dichtertums verkörpert. Dieser ist der große, unmittelbare Gestalter.“

Hölschers Beobachtungen verraten schon im Ansatz, daß er die Odyssee als einheitliches Werk mit der Ilias vergleicht: „Durch die Götterhandlung wird die Ilias ein Weltgedicht – um so große Dinge geht es in der Odyssee nicht mehr. Wer vom Lesen der Ilias kommt, sieht sich hier in einer anderen Welt. Sie ist weiter und bunter; sie ist zugleich intimer.“

Und direkt anknüpfend an solche Beobachtungen werden die Pole der Betrachtung hingestellt – auch für die Enthusiasten von Schwabs Sagen des klassischen Altertums. „Wenn in der Ilias eine archaische und aristokratische Gesellschaft ihren agonalen Wertbegriff in eine große heroische Vorzeit projizierte: ‚immer der Beste zu sein und überlegen den anderen‘ (Ilias 11. 784), so gelten in der Odyssee andere Tugenden. Ob das Altertum sie recht verstanden hat, möchte man zweifeln, es erblickte ja in dem Listigen den eigenen Prototyp – den ‚Griechen als solchen’, wird Burckhardt sagen. Und auch die Seite, die er uns heute zuzukehren scheint: als der schnell Reagierende, jeder Lage Gewachsene, spiegelt eher unser eigenes Bild, das Wunschbild der Erfolgsgesellschaft. Solche Wandlungen gehören zu jeder geschichtlichen Rezeption, besonders, wenn sie in die Breite, ins Populäre geht.“ Und eben nicht nur dort. Hölscher fährt fort: „Aber schon die zitierte iliadische Maxime verkürzt die dichterische Gestalt des Iliashelden auf das Maß eines Kollektivs – für das Übermaß des homerischen Achilleus hatte Hölderlin den Sinn, als er ihn ‚den genialischen, allgewaltigen, melancholisch-zärtlichen Göttersohn‘ nannte, ‚dieses enfant gäte der Natur‘. Daß dieser Achill kaum noch wahrgenommen wird, sondern sein blutrünstiges Zerrbild, daran ist unsere Einäugigkeit schuld, unsere Kriegsverletzung. Etwas Ähnliches könnte der Odyssee im Wege stehen, ein zu voreiliges Wiedererkennen.“

Ob das Altertum sie recht verstanden hat... Was für eine phantastische Nähe des Fragens! Hier erscheint sie ganz unprätentiös: die Gleichzeitigkeit aller großen Dichtung. Und die Gleichgültigkeit allen komponenten Lesens gegen die Unterschiede der Zeiten. Dennoch bleibt der Nachdenkliche wachsam angesichts der Möglichkeit, daß eben diese Unterschiede das Lesen hinterrücks vereinnahmen könnten. Die Philologen, wo sie nicht als Schulmeister auftreten, sind vor allem die Leser, die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit einer Lektüre bewußt machen können. Sie vermögen dies aufgrund einer fast kindlichen Verwirklichung der Zwillingsnatur von Dichten und Lesen – das Lesen ist Hervorbringen wie das Dichten. Von den Autoren unserer Gegenwart hat wahrscheinlich Jorge Luis Borges das am deutlichsten sichtbar gemacht.

Seltener finden wir es bei Universitätsprofessoren. Selten aber eben doch: Hölschers leichthin erzählende Interpretation hält für den Augenblick ihres Vortrags – wo er das Überlieferte aneinanderreiht und das Interpretierende wägt – die Anschlußstellen überall frei für andere Einsichten. Denn dem undurchschaubaren Dunkel der Vergangenheit, aus der die Texte der Schreiber uns überliefert sind, korrespondiert jene Zukunft, in die niemand eindringen kann, in die hinaus das Dichterwort auch gesprochen ist, und in der es irgendwann verstanden wird – besser verstanden als von uns?

Wie Karl Reinhardt schenkt auch Uvo Hölscher den Märchen große Aufmerksamkeit, deren Denkmuster in den Odysseus-Geschichten offen zutage liegen. Für Reinhardt aber deutet dieses Phänomen auf einen Zusammenhang von Form- und Ideen-Geschichte, also einen Aspekt der Modernität: „Wenn Wundergeschichten geistreich werden, wenn Kulturen anfangen, sich im Märchen zu spiegeln, dann entstehen Möglichkeiten eines eigentümlichen Zusammenspielens gleichsam mit vertauschten Rollen zwischen Älterem und Jüngerem.“ Zugleich verknüpfte er die stärkere Erlebnisdichte der Ich-Erzählung mit der neuen Bedeutung der Landschaft für die Odysee-Dichtung: „Wie das Lob der Heimat, so ist auch das Lob der Wildnis an die redende Person gebunden. Ohne Ich-Erzählung keine Landschaft... Jenen Märchenlandschaften verleiht erst das Erlebnis, erst das Ich, das sie gewahr wird, ihren Glanz und Zauber.“

Hölscher geht nun weit über diese Beobachtung hinaus im gleichwohl immer noch verwandten Gedanken: „Es ist nicht nur der größere Raum, in dem die Odyssee spielt, sie hat an sich selber, verglichen mit der existentialen Dimension zwischen Held und Gott in der Ilias, den Charakter der Räumlichkeit. Die Welt der Odyssee ist ‚die Welt‘. Das liegt zum Teil im Stoff. Wenn schon das Märchen an sich die Tendenz hat, seinen Helden in die Welt zu führen, damit er die märchenhafte Welterfahrung beglaubigt, so ist die Geschichte vom irrfahrenden und heimkehrenden Odysseus vorzüglich darauf angelegt, einen Horizont von Welt zu entwerfen.“

In der Ausbeutung der Märchenforschung für das Verständnis seines Epos hat Hölscher die größte Chance für den Gewinn neuer Überlegungen genutzt. Von hier aus war ja auch – weit abseits vom Gelehrtenstreik um die homerische Frage – unauffällig die Forschungslage derart verändert worden, daß heute eine neue Generation von Klassischen Philologen auf diese Frage nur noch mit historisierender Nachsicht herabblickt. Milman Parry und die Oral poetry-Forschung zeigen, wie Formen und Stoffe der Improvisationsepik bis in die Gegenwart etwa in südjugoslawischen Dörfern überlebten. Hier hat man vergleichbare Stücke, wenn man sich vorstellt, daß die homerischen Verse aus relativ typisierten Basis-Elementen zusammengesetzt sind. Dies konnte sich freilich auch Herder schon vorstellen.

Auf der anderen Seite hatte die Motiv-Forschung Ergebnisse gezeigt, in denen Inhalts-Muster greifbar wurden, wie sie einem Dichter jener Zeit zur Verfügung gestanden haben mußten. Schon 1934 konnte Iwan Tolstoi vor allem im russischen Märchen zehn Motive als Momente einer Mustergeschichte nachweisen, die alle auch in der Odyssee vorkommen. Längst erkannt sind auch die Parallelen zu den Reiseberichten von Sindbad dem Seefahrer. All das wird jetzt bei Hölscher mit ins Bild genommen.

Es wird das Material greifbar, mit dem ein Dichter planvoll verfahren konnte, aussagefreudig und kompositionsbewußt. Und sicherlich unterschied sich da der Dichter der Ilias von dem der Odyssee – wer immer auch Homer geheißen haben mag.

Nun, das Unterfangen, Hölschers Buch nach Ergebnissen aufzuschlüsseln, wäre schon im Versuch eitel. Auch das ist ja der Vorzug dieses Alterswerks, daß es in gelassener Gebärde dann und wann den Stil des Essays annehmen kann und lieber anregend wirkt, als Handbuchwissen zu begründen. Hölschers Umkreisen der Lügenmärchen, Abenteuererzählungen und Heimkehrergeschichten in der Erörterung des Romanhaften der Odyssee-Handlung ist ein solcher Essay im Ensemble der übrigen Kapitel.

Der doppelte Anfang

An anderen Stellen schimmert etwas von der Härte des wissenschaftlichen Aufsatzes durch. Etwa wenn allerdings bemerkenswerte kompositorische Parallelen zwischen Ilias und Odyssee nachgewiesen werden. Da ist der doppelte Anfang in jeder der beiden Dichtungen. „Wie Athene den Achill beredet – und damit die Patroklie einleitet –, so beredet sie den Telemach und setzt damit die Telemachie in Gang. Wie Zeus, auf die Klage der Thetis, den trügerischen Traum entsendet – und so die Ilias im engeren Sinn, nämlich die ganze Kampfhandlung bis zur Niederlage im 15. Buch in Bewegung bringt so entsendet er, auf Klage Athenes, den Hermes und bringt die Odyssee, nämlich die Heimfahrt des Odysseus, in Gang.“

Da war der doppelte Anfang für den Odyssee-Dichter in der Ilias vorgebildet, er hat ihn nur nachgemacht. Man spürt die Genugtuung Hölschers zwischen den Zeilen. Einmal war der doppelte Anfang stets eines der Argumente gewesen, mit denen für die Odyssee ein Autor und ein Bearbeiten hatten nachgewiesen werden sollen (Schadewaldts Dichter A und B). Zum anderen war jedermann unbeirrbar der Meinung gewesen, der Bearbeiter (oder Dichter B) müsse ein Stümper gewesen sein. Hölscher nun selbstbewußt: Der doppelte Anfang, die Doppelhandlung können kaum gegen die einheitliche Konzeption des späteren Gedichts sprechen.

Es ist eine reiche, Weit ausgedehnte Interpretationsebene, auf der Hölscher sich bewegt. Aber es ist immer noch die historisch-philologische. Jener Odysseus etwa, den zuletzt noch Borges bei Dante entdeckte und beschrieb („Die letzte Reise des Odysseus“): der mutwillige Weltreisende, der auch über geheiligte Grenzen ins Verbotene vorstößt und dort umkommt; jener Odysseus, den Borges in Käpt’n Ahab, in den englischen Ulysses-Dichtungen ausmacht, bleibt in Hölschers Rahmen unanschaulich. Nur knapp sind dem Abenteuernden, reiselustigen Seefahrer einige Zeilen gewidmet. Das führt dort nicht weiter. Man mag einwenden, das gehöre – Stichwort: Dante – zur Rezeptionsgeschichte. Gewiß, aber auch die gehört zum Proprium der Dichtung, denn, das hatte ja auch Hölscher bedacht: die Entstehungszeit großer Literatur ist nur eine von vielen ihrer Gegenwarten.

So gehört Hölscher auf großartige Weise zwar, aber doch streng in jenes Gespräch, mit den Wolf und Goethe eine Wissenschaft um Homer errichteten. Seine „Odyssee“ gehört zu den großen Augenblicken dieses Gesprächs.

• Uvo Hölscher:

Die Odyssee

Ein Epos zwischen Märchen und Roman; C. H. Beck Verlag, München 1988; 360 S., 68,– DM