Von Horst Bienek

Essays wie diese werden heute bei uns gar nicht mehr geschrieben, über Dichter und Schriftsteller, über Gedichte und Romane, über Städte wie Petersburg oder Byzanz. Essays, die nur ihrem Gegenstand verpflichtet sind, nicht einer Methodik, einer Schule, einer Theorie, die weder eine new-critizistische noch eine postmoderne, ja nicht einmal eine dem russischen Strukturalismus verpflichtete Interpretation liefern, auch wenn von Roman Jakobson öfter die Rede ist. Diese Essays sind „liebende Umarmungen“, so wie Brodsky die Aufsätze der von ihm so verehrten Marina Zwetajewa nennt. Brodsky bewundert, Brodsky verehrt, Brodsky liebt. Das beweist er seinen Lesern. Und er möchte sie ebenso dazu verführen.

Große Dichtung ist nur möglich, wenn es große Leser gibt, hat einmal Walt Whitman gesagt. Brodsky glaubt daran, daß es große Leser gibt, wenn man ihnen den Zugang zu den Dichtern erleichtert. Er tut es auf eine ganz persönliche, impressionistische und auch fragmentarische Weise. Er erzählt einfach, wie er als ganz junger Mann eines Tages eine zerfledderte Anthologie englischer Lyrik in die Hände bekam, und wie ihn darin vor allem die Gedichte des Wystan Hugh Auden faszinierten, ja erregten.

Dieser Band war 1937 erschienen, also dreißig Jahre zuvor, und es war überhaupt die letzte Sammlung englischer Dichtung gewesen, die in Moskau gedruckt wurde: „From Browning to Our Days“. Unsere Tage – das war das Jahr 1937. Der Herausgeber M. Gutmann wurde kurz darauf verhaftet, fast alle Übersetzer sind in den Gulag gekommen, einige von ihnen kehrten nicht mehr zurück. Wer sich damals mit englischen Gedichten beschäftigte, konnte nur ein Volksfeind sein.

Als Brodsky am 6. Juni 1972 bei seiner Ausweisung aus Rußland in Wien angekommen war, wollte er als erstes Auden in Kirchstetten besuchen. Er hat es auch getan, die Begegnung war nicht sehr eindrucksvoll, weil er zwar ganz gut englisch lesen, aber kaum sprechen konnte. Im Sommer 1977 – Auden war schon vier Jahre tot – kauft sich Brodsky seine erste englische Schreibmaschine und schreibt Essays, Prosa und auch erste Gedichte auf englisch: zu dem einzigen Zweck, wie er bekennt, „in größere Nähe eines Mannes zu kommen, den ich für den klügsten Kopf des 20. Jahrhunderts hielt: Wystan Hugh Auden. Mein Wunsch, englisch zu schreiben, war von dem Gedanken diktiert, einem Schatten zu gefallen, ihm nahezukommen, unter seinen Bedingungen zu arbeiten, nach den Regeln seines Gewissens beurteilt zu werden ... Mehr kann man für einen Mann nicht tun, der besser war: in seinem Sinne weitermachen, und das ist es wohl, worum es in Zivilisationen geht...“

Das ist eine schöne Auden-Hommage. Man erfährt dabei sehr viel über den Menschen, einiges über seine Gedichte, noch mehr über seine Wirkung. Und eine Menge auch über den Verfasser solcher Zeilen, über Zeitgeschichte und über krumme Zeitläufte.

Mit dem Aufsatz über Anna Achmatowa werden Slawistik-Studenten nicht viel anfangen können. Da ist kaum etwas, was sie nicht schon wüßten; aber er ist einfach eine Huldigung an die größte russische Dichterin dieses Jahrhunderts. Dasselbe gilt für Mandelstam (der im Gulag umkam), für Konstantin Kavafis, dem „Pendel zwischen Orient und Okzident“, für Platonow, zu dessen Lebzeiten nur wenige Seiten Prosa gedruckt wurden und den er, ziemlich kühn und nicht ganz überzeugend, für größer als Musil, Joyce oder Kafka hält. Da verstellt ihm die Verehrung jedes kritische Kalkül, und die deutsche Übertragung löst das schon gar nicht ein.