Wackersdorf

Wir sind dienstlich hier“ – Diese lakonische Auskunft gibt Dr. Uwe Hilke, fragt man ihn nach dem Sinn der weißen Kittel. Die große Mehrzahl der etwa 600 Ärzte aus Deutschland und Österreich steht an diesem 1. Oktober in blütenweißer Dienstkleidung auf dem Wackersdorfer Marktplatz. Dr. Hilke, Zahnarzt aus Tübingen, leitendes Mitglied des Arbeitskreises Atomenergie in der bundesdeutschen Sektion der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW), demonstriert hier, weil er den hippokratischen Eid geleistet hat. „Ärzte haben die Aufgabe, ihre Patienten vor Schaden zu bewahren, Gesundheit zu erhalten und zu fördern“ – so steht es im Aufruf.

Von den biologischen, psychischen und sozialen Auswirkungen der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage fühlen sich die Mediziner alarmiert. Die WAA bei Wackersdorf ist nicht nur für den Gießener Psychoanalytiker Professor Horst-Eberhard Richter ein Symbol technokratischer Hybris. Auch im Falle eines großen Unfalls in der Anlage, sagen die Ärzte, wäre ärztliche Kunst sinnlos: „Wir können euch nicht helfen.“ Nicht dem Überleben, dem Leben wollen sie dienen: Demonstration als Prophylaxe.

Auf dem etwa drei Kilometer langen Marsch sieht man so gut wie keinen Polizeibeamten. Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer, seit acht Jahren Anti-WAA-Kämpe, ist sich sicher: „Würden weniger prominente Bürger demonstrieren, sähe das anders aus.“ Ein vor dem Tor des Gebäudes postierter Beamter erklärt auf die Frage des Nobelpreisträgers, „von Ihnen erwartet man nicht, daß Sie Steine schmeißen.“

Demo-Routiniers mutmaßen auch, die Polizeiführung habe den eigenen Leuten ein demoralisierendes Erlebnis ersparen wollen: „Halbgötter in Weiß“ im anderen Lager? Dr. Brinkmanns Kollegen im Schoß des Aufruhrs? Nicht jedes Weltbild kann das verkraften.

Bei der Großkundgebung am 15. Oktober auf dem Wackersdorfer Volksfestplatz dürften alle Weltbilder wieder im Lot sein. Dann nämlich könnte sich die Wut der WAA-Gegner entladen, die der abrupt beendete Erörterungstermin in Neunburg v. Wald hervorgerufen hat. Von Resignation ist keine Rede, das Bündnis war noch nie so breit. Es umfaßt nicht nur die bayerische SPD, kirchliche Gruppen, Friedens- und Umweltinitiativen. Auch die sogenannten Autonomen haben erstmals einem Gesamtkonzept des „Aktionskreises Herbstaktionen“ zugestimmt.

Manfred Stuber