Von Martin Ahrends

Über den Deutsch-Rock ist viel gelästert worden, meistens zu Recht. Ihm fehle ganz allgemein das Element der Natürlichkeit, das beim französischen, italienischen und dem englischen selbstverständlich sei. Zu oft höre man die Anstrengung, die es gekostet hat, einen internationalen Sound "ins Deutsche zu übertragen", ihn besonders prägnant zu formulieren (wobei sein Glanz dann verblaßt). Mit den Texten steht es nicht besser; was man da an deutscher Einfalt und "Größe" zu Ohren bekommt, das ist entweder wehleidig oder anmaßend, das will die Welt erklären oder sie vergessen. Das hat weder Charme noch Humor, Tugenden, die das Leben liebenswert erscheinen ließen.

Es gab und gibt ein paar Ausnahmen, und die können sich auch im internationalen Vergleich hören lassen; hier ist die Anstrengung nicht mehr spürbar, hier hat sie sich zur Quasi-Natürlichkeit, zur Kunst ausgewachsen. Die typische Lebensfremdheit, die wehleidige, die anmaßende Pose werden zurückgenommen, was wir hören, ist nicht nur aufrichtig gemeint, es wirkt auch so. Von diesen Ausnahmen soll hier die Rede sein.

Ulla Meinecke hat nach ihren überspannten und ihren lasziven Songs zu einer gelassenen musikalischen Haltung gefunden, die den harten Schliff ihrer ersten Titel bewahrt, aber über deren Enge hinauskommt. In einem der schönsten Stücke ihrer insgesamt gelungenen neuen Langspielplatte heißt es: "Dann hab’ ich die Angst vor’m Glück verloren / Der Traum ist aus – es ist Wirklichkeit." Die Musik hat großen Atem und festen, bodennahen Schritt, einen Schritt, den man ruhig gehen kann, etwa 120 Schläge in der Minute, jeder zweite ist betont – das wäre ein ruhiger Herzschlag. Ulla Meinecke spannt einen weiten melodischen Bogen über dieses selbstgewisse Gehen. Es ist Musik, die die Angst hinter sich gelassen hat, ohne vor ihr wegzulaufen. Eine Liebe wird besungen, die keinen falschen Traum braucht und keine Hintertür, die an der Wirklichkeit genug hat, an "Herz und Mund und Haut". "Deine Pläne sahen mich nicht vor / falscher Ort zur falschen Zeit" – ein Gefühl wird besungen, das den Terminkalender einfach außerkraftsetzt und dennoch alle Sicherheit der Welt gibt. Ein Ur-Vertrauen, das auf die "wirkliche Wirklichkeit", die innere und äußere Natur setzt, gibt dem Song seine Wärme.

Einen leichten Gang ohne Hast, ohne Angst, der in den Beinen liegt und den man stundenlang gehen kann, führt Ulla Meinecke musikalisch so deutlich vor, daß man sie wirklich laufen sieht mit weichen Schultern: "Schlendern ist Luxus." Ein lockeres, rasches, in sich ruhendes Ticken der Absätze, manchmal tänzelt sie oder kickt vergnügt nach einer Kastanie – eine wunderbare Stimmung.

Das Natur-Motiv taucht bei Ulla Meinecke mehrfach auf, aber eben nicht plakativ wie bei den Friedens- und Umwelt-Rockern. Es ist bei ihr ein Zeichen, daß es etwas Stärkeres gibt als ihre Angst. – "Ich bin jetzt unten am Ufer. / Und wenn du mit mir sein willst / bring dein Boot zum Strand / und für den Sturm und für die Nacht / hast du meine Hand." Ihren melodisch steilen, rhythmisch gerafften Gesang begleiten Saxophone unisono; sie ist auf diesen eigenwilligen, spröden musikalischen Wegen stets "in Begleitung", sicher gebettet tut sie ihre Stimm-Sprünge, die angeschmiegten Instrumentalstimmen geben ihr Flügel. Da ist nichts Naturtümelndes, aber eine ruhige Freude an dem, wovon sie getragen wird, an den Gestirnen, an einem Fluß, an einem Sommernachmittag. – "’Ne Party für die Kunst, das ist so ’n Abend / den du brauchst / wie ’n Loch im Kopf" – Humor hat sie auch, aber mehr als drei Zeilen ist ihr die Party nicht wert – "Du mußt gehn und den Mond sehn / am besten am Meer / bis zum Hals im echten Wasser stehn / Ein großes Herz wird leicht schwer." Das ist Ulla Meineckes Antwort auf die Zwänge, Ängste und Frustrationen dessen, was mit "’ne Party für die Kunst" hinlänglich umschrieben ist. Und "echtes Wasser" ist schon wieder eine Sehnsucht wert,

Mit lateinamerikanischem Pepp trällert Veronika Fischer ihre Satire auf die nostalgische Langeweile in einer Berliner Nachtbar: "Ein leises Kichern. Alle blicken sich um, / sogar die Kokserecke ist irritiert / Hektik – einen Augenblick, / bevor die Hitze alles wieder erfriert. / Die Zeit geht vorbei mit As Time Goes Bye / und der Jazz ist dezent unterkühlt / cool, cool der Tomatensaft, / wenn grad ein Saxophon spielt." Aber dann spielt in ihrem Song "Die Nacht von Casablanca" wirklich ein Saxophon, so, wie es sich für gute Bar-Musik gehört. Die Satire bleibt musikalisch genau auf der Wellenlänge dessen, was sie aufspießen will, wie die Songs von Veronika Fischer überhaupt mit ihren kompakten, konventionellen Arrangements eher verbergen, was die gewitzten Texte und diese warme, seidige Stimme zu bieten haben.