Von Tilman Spengler

An keinem der fünf Tage fiel ein lautes Wort in der Stadt. München, bekannt für die derben Töne, fürs kraftvoll Gutturale, München gab sich gedämpft. Wie die Fahnen, die dauerfrisch feschen weiß-blauen, schwarz-gelben und schwarz-rot-goldenen, wie die Beflaggung waren auch die Gaumensegel auf Halbmast gesetzt.

Die gedeckten Klangfarben mußte niemand anordnen. Sie fügten sich dem Geschehen so sanft und selbstverständlich wie der Himmel über Bayerns Hauptstadt: mal grau und schwer wie eine Pferdedecke, mal vollgetürmt mit weißen Barockwolken; am Freitagabend dann, als die Lafette über die Ludwigstraße rollte, weit aufgerissen blau, das All erschließend. In, um und über München wurde ein Stück gegeben, ein Volkstrauerspiel zum Herbstanfang: Der Heimgang von Franz Josef Strauß.

Es war ein grandioses Stück, des einmaligen Anlasses würdig und dabei doch, über diesen Anlaß hinausweisend wie eine kostbare Gedenkmünze. Und wie bei jeder geglückten Inszenierung bestimmten den Erfolg nicht nur die Kunst der Mitwirkenden, sondern genauso ein ergriffen sachverständiges Publikum und eine allgemeine Gemütslage, deren noch formlosen Sehnsüchten dieser Stoff in just diesem Moment entsprach. Nein, natürlich hat niemand den Tod von Franz Josef Strauß ersehnt, er traf nur auf eine latente, unerfüllte Bereitschaft zur kollektiven Trauer; er gestattete jetzt endlich die hemmungslose Liebe zu einem starken Führer, und er gab vielen die Möglichkeit, sich zu einem Tod so zu verhalten wie zu einer personalisierten Naturkatastrophe.

Für die Spannung am Anfang des Dramas hatten Ärzte und Politiker gesorgt. Das Wort "Hoffnung" der Mediziner stand gegen das so rätselhafte wie plastische Verdikt des "akuten Bauches", die Abwiegelung von Wirtschaftsminister Tandler gegen die Hektik des Innenstaatssekretärs, der sein Hirn auf Blaulicht und Martinshorn, auf eine Luftbrücke zwischen München und Regensburg konzentrierte. Als alle Kabinettsmitglieder schließlich in der Oberpfalz versammelt waren, durfte niemand mehr mit einem Wunder rechnen. Jetzt ging es an die Gestaltung von Pontifikalämtern und Paraden, jetzt galt es, den Verlust mit Größe und Bedeutung auszukleiden.

Fast eine Woche lang wog der Tod den Alltag auf. Er bestimmte Schlagzeilen und Gerüchte, entwertete Nachrichten und formte Programme, füllte Kirchen und leerte die Straßen. Der Tod gab Anlaß. Gab Anlaß zur Poesie von Nachrufen, zu Anzeigenprosa, zu Erklärungen der Betroffenheit, zu Sinneswandel. All die Lobhudeleien und all die Flüche, die dem Verblichenen zeit seines Lebens entgegengeschleudert oder dargereicht worden waren, geisterten nun wie herrenloses Gut durch die Wortspeicher, wurden gereinigt, neu eingekleidet und mit einer schwarzen Bordüre umsäumt. Der Leichnam war zur Verehrung freigegeben.

Noch bevor der Bayerische Rundfunk am Montagmorgen seine Programme mit der Sondermeldung aus Regensburg unterbrach, hatte die Abendzeitung in vorweggreifender Trauer bereits eine Art Nachruf zu Lebenszeiten veröffentlicht. Der Tod des Königs ("Ein Mann wie Bayern – geliebt, gefürchtet, geachtet") wurde zum Klageschlager der Woche, die Zeitung – in ihrem politischen Teil sonst eher den Gedanken einer flotten Aufklärung verpflichtet – wandelte sich zur Heul-Duse des Boulevards.