Und schluchzte damit allen Konkurrenten des flinken Worts (Bild, tz) den Schneid ab. Natürlich trugen die anderen bisweilen dicker auf, doch die Stimmgabel der Betroffenheit hielt die Abendzeitung hoch wie ein Olympisches Feuer. Das war mehr als Wiedergutmachtung, das war auch mehr als schnödes Auflagendoping (wiewohl hier keines der beiden Motive gering geachtet werden soll), nein, die Abendzeitung brachte einfach ihren politischen Teil auf das Niveau ihrer appetitlichsten Seite, des Klatschteils, und schrieb über Franz Josef Strauß wie über Monaco Franze. Selbstverständlich mit jener Ehrerbietung, die die historische Stunde gebot, selbstverständlich mit jenem Fingerbreit Abstand, der dem Hofberichter gestattet, auf sich selbst zu weisen, doch genauso selbstverständlich betroffen, als hätte ein Schicksalsschlag gleichzeitig Uschi Glas, Boris Becker und Gloria von Thurn und Taxis hinweggefegt.

Unter den Stimmungsmachern der Hauptstadt hatte der verstorbene Ministerpräsident damit seinen letzten ernstzunehmenden Gegner eingebüßt. Die Süddeutsche Zeitung bewahrte abgewogenen Abstand und hob sich – wie meistens – das Brillante fürs "Streiflicht" auf; aber der Kampf um die Gefühle war längst entschieden: Schon Tage vor der offiziell angeordneten Staatstrauer breitete sich als wahrzunehmende Meinung aus, was einem gemeinsam von Bayernkurier und Chefetage des Bayerischen Rundfunks verbreitetem Communique hätte entsprechen können: "Der Verlust ist ein unersetzlicher, wir haben das schon immer gesagt, doch auf uns hört ja niemand. Es ist ein Verlust für Bayern, für Deutschland, für die Welt, für den Frieden, das Christentum und die humanistische Bildung." So klagte es aus Lautsprechern und aus Zeitungssatz, so trompeteten klangvoll auch jene, denen die Aussichten auf eine Karriere schon immer auferlegten, das Lecken von Speichel zum Genuß von Starkbier zu verklären.

Zur Trauer in der Stadt gesellten sich die Gerüchte – als Kontrapunkt, als Variation, als Refrain. Die Gerüchte des gemeinen Volkes werden in München mit Vorliebe als Aussprüche an die Krenweiberl vom Viktualienmarkt kolportiert. Ein Krenweiberl hat angeblich gemunkelt, Jagdunfälle kenne man ja in der bayerischen Geschichte, da sei noch nie etwas mit rechten Dingen zugegangen. Ein anderes Krenweiberl soll in Umlauf gesetzt haben, die Bayernpartei habe endlich Rache an der CSU genommen; kein Krenweiberl, sondern eine "Passantin" machte mit dem versöhnlichen Kommentar Schlagzeile: "Unser Herrgott macht’s schon richtig." Aber hatten es auch die Ärzte richtig gemacht? Was war "die Wahrheit über den Tod von Franz Josef Strauß"? Hier schlugen die Gerüchte Purzelbäume. Er hätte gerettet werden können, natürlich, wenn nicht gerade diese Tölpel in der Oberpfalz..., gewiß, selbstverständlich, strukturschwache Region, noch das Krankenbett mußte eingeflogen werden ... Sauber, bei deren Krankengut kennen die ja nur die Diagnose "akuter Bauch"; und dieser undurchsichtige Leibarzt Agirow, wahrscheinlich Bulgare, Klinik am Starnberger See, womöglich war Strauß da finanziell beteiligt, schließlich verkehrte dort nur CSU-Prominenz, na, Sie wissen schon, da muß man die Hand nicht vor den Mund nehmen, also kurz, in München hätte er überlebt ... Oder, ja natürlich gab es sie zuhauf, die aufmüpfigen Varianten des Gerüchtes: "Es ist ja alles Gleichschaltung. Nicht nur die Fernsehansager in Freimann, nein auch die Redakteure im Hörfunk mußten Trauer tragen, jedenfalls in der E-Musik, sie änderten nicht nur die Programme, sie machten auch noch Druck auf die Garderobe. Man muß sich das vorstellen: im //örfunk!"

Die besseren Gerüchte wurden manchmal von der Wahrheit gestreift. Bisweilen erfüllten sich sogar die Schreckensvisionen der Konspirationstheoretiker: etwa als der Bayerische Rundfunk Stücke von Schubert und Strawinsky aus dem Programm nahm, um statt dessen mit Beethovens Eroica "die Erinnerung eines großen Menschen zu feiern". Selbst ernste Musik, das merkten die Hörer bereits nach der Unterbrechung durch die Trauermeldung am Montagvormittag, konnte bisweilen dem Anspruch auf Trauer nicht genügen und mußte durch noch ernstere ersetzt werden. Was den Verantwortlichen für klassische Tonkunst immerhin leichter vom Plattenteller ging als ihren Kollegen, die die Pop-Musik zu betreuen hatten: die Orgel- und Chorvarianten von Songs der Stones oder von Michael Jackson halten sich schließlich in strikten Grenzen.

Nun wäre aber nichts irreführender als der Eindruck, hier sei mit barschem Ton Konformität erzeugt worden. Die Stimmung im Freistaat hatte eine Modulation der Gemütserregungen erzeugt, die Anordnungen überflüssig zu machen schien. Das Bewußtsein – von der Abendzeitung am vergangenen Mittwoch auf den dezenten Begriff gebracht –, daß "die Welt trauen, Bayern weint", die Erfahrung von Schmerz zum Anfassen, wirkten selbstregulativ. Kein Redakteur, kein Reporter hätten es an jenem Freitagabend, als die bewußte Lafette den bewußten Sarg die Ludwigstraße hinabkutschierte über die Lippen gebracht, den verbürgten Satz eines Passanten: "De Rautn aufm Sargtuch san ja vui z’kloa, der schaut ja aus wiara vapackta Leberkas’ vom Dallmayr" zu kolportieren. Was nicht despektierlich, sondern empört über eine Stillosigkeit gemeint war, doch ganz gewiß nicht in das kollektive Trauerbild paßte.

Die Tiefe des bekundeten Schmerzes erhöhte die Trauernden und so langten viele nach dem Flor: Taxifahrer knüpften ihn an ihre Antennen, Fußballspieler streiften ihn übers Trikot. Franz Josef Strauß hatte alle Bayern ein wenig größer gemacht, jetzt wo er tot war, durften es auch die wenigen aussprechen, die sich vorher öffentlich nicht dazu bekannt hatten. "Glauben’S mir, für den Kohl wären hier nicht so viel gekommen", formulierte es einer voll Dankbarkeit, als der Bundeskanzler gerade vorbeischritt.

Daß die Inszenierung des Freistaats nicht so pompös ausfiel, wie das die Regisseure geplant hatten, lag paradoxerweise daran, daß das Volk mitspielte. Da konnten die fleischigen Mannen der Bereitschaftspolizei unter ihren Wehrmachtshelmen noch so roh daherstapfen, den Eindruck vier- bis fünfschrötiger Staatsmacht lösten die Heerscharen fröhlich ergriffener Gebirgsschützen im Handumdrehen auf. Diese Nachfahren der Freischärler in allen Varianten von Lederhose, Joppe und Hut, beherrschten das Straßenbild, als hätte eine Alpenjunta die Gunst der Stunde genutzt und in Bayern die Macht ergriffen. Doch da ihre bunten Kostüme, die Ausgeburt männlicher Putzsucht, wie eine Parodie aufs Martialische angelegt waren, verbreiteten diese Trachtler die Entspanntheit eines Wies’numzugs. "Des hätt’n gfreut, den Strauß", lachte einer, bevor die Bereitschaftspolizei zur Andacht blies und der Sarg im schwarzen Loch des Siegestors verschwand.