Von Ursula Bode

Gleich hinter Arnheim und jenseits der Autobahnbaustellen wird die Parklandschaft zur Einöde und wechselt wieder zu Weiden und Feldern. An den Golfplatz schließt sich mit angemessener Distanz Kasernengelände an; stets rastet dort, quasi im Vorgarten, das ausgediente Flugzeug. Die Kastanienallee ist gelb geworden, es stürmt, es regnet an diesem Oktobertag, und trotzdem ist alles wie immer, zu jeder Jahreszeit, seit vielen Jahren. Die Vorfreude hält sich, noch nie wurde das Vergnügen getrübt, das Tor ist geöffnet. Man zahlt am Pförtnerhaus, für sich und das Auto. Auf der Tageskarte röhrt ein Hirsch. Kein Kunst-Museum der Welt wird sonst für sich beanspruchen können, mit dem Bildnis eines Hirsches zu werben.

Das Rijksmuseum Kröller-Müller bei Otterloo tut es mit Gelassenheit. Zum einen ist es als Ort der Kunst berühmt genug. Zum anderen berechtigt die Karte jeden Besucher, der Kunst nachzugehen oder sie links liegen zu lassen, zugunsten von rund 6800 Hektar Natur – Heideflächen, bizarren Ansammlungen von Kiefern, Eichenwald und Buchenalleen. Ein Geflecht von Wanderwegen bietet sich an, Parkplätze sind markiert, Radwege eingerichtet. Hunde sind an der Leine zu führen, schwimmen darf man nicht und den Picknick-Müll zu hinterlassen, ist verboten. Dies alles und ein paar Gebote mehr sind dezent am Eingang zu lesen. Dann wird der Besucher samt Auto auf schmaler, gewundener Straße dem Nationalpark "De Höge Veluwe" überlassen – jenem wunderbaren Areal bewahrter Natur, dessen Herzstück die Kunst ist.

Vor fünfzig Jahren ist das Museum Kröller-Müller eröffnet worden, seit 1935 ist das ehemals private (Jagd-)Gelände Nationalpark. Es bedarf dieses Jubiläums eigentlich nicht, um das Museum ins Gespräch zu bringen. "Kröller-Müller" ist eine international renommierte Institution, eines der bestbesuchten Museen im Lande und ein überraschend ruhiger Ort zugleich. Tausende von Einzelgängern und Gruppen-Menschen: Der Park schluckt sie alle. Das Museum nimmt sie freundlich auf, mit frischen Blumensträußen in Gängen und Sälen, und entläßt sie dann in den Skulpturenpark und den neu angelegten Skulpturenwald. Natur und Kunst, miteinander konfrontiert und miteinander im Gespräch – das ist eine hochgemute Konzeption, die jeder Gast für sich in die Tat umsetzen kann: mehr Kunst und weniger Heidekraut, ein ausgiebiges Picknick unter Kiefern und nur ein flüchtiger Blick auf Moores Skulpturen auf dem Hügel oder umgekehrt.

Der Düsseldorfer Makler Müller, der sich mit dem Museum Insel Hombroich seinen persönlichen Traum schöner Ko-Existenz von Kunst und Natur verwirklicht, wußte schon, warum er neben dem dänischen Louisiana vor allem das Kröller-Müller-Museum zum Vorbild nahm. Im Verhältnis zum privaten rheinischen Eldorado ist der vom Staat unterhaltene niederländische Vorläufer allerdings eine majestätische Institution, noch dazu eine, die mit großem Erfolg der Gegenwartskunst offensteht, und die sich dabei eine erstaunliche Klarheit, Konsequenz und Ernshaftigkeit erhalten hat.

Stifter hinterlassen außer den gern akzeptierten Kunstschätzen oft auch ihre Richtlinien – und nicht immer können sie darauf bauen, daß man sie befolgt. Als Helene Kröller-Müller ihre Sammlung in die Hand des Staates gab, sprach sie mit einigem Selbstbewußtsein von ihrer Kollektion, die "ihrer fehlerlosen Struktur und inneren Wahrhaftigkeit" wegen einzigartig sei. Was die Arbeit der ihr nachfolgenden Museumsbeamten so imponierend und so sympathisch macht, ist die Tatsache, daß sie diese Struktur nicht verwässerten, und daß sie souverän den Grundzügen der Sammlung folgten, ohne Maximen der Patronin über Gebühr zu strapazieren.

Kein Gedenkstein weist im Museum auf die Stifterin hin. Es ist vielmehr das fünfzigjährige Jubiläum, das die Gestalt der 1869 bei Essen im Ruhrgebiet geborenen holländischen Unternehmergattin der Gründerzeit in Erinnerung ruft. Während ihr Mann Anton Kröller mit Hilfe einer aufblühenden Reederei in Rotterdam, mit Getreidehandel und außereuropäischen Minen das Vermögen mehrte, wandte sich Helene der bildenden Kunst zu. Und diese Zuwendung nahm sehr schnell andere Dimensionen an als die eines eleganten Zeitvertreibs. Helene Müller hörte in Den Haag Vorträge zum Verständnis der Kunst, mit denen der Maler und Schriftsteller Bremmer damals ganz Holland bereiste. Sie machte aus dem Redner einen ständigen Berater und näherte sich, betrachtend, vergleichend, den alten Werken alter und neuer Kunst. Und weil sie besitzen wollte, was im Gespräch erörtert wurde, begann sie Bilder und Zeichnungen, Plastik und Keramik-Objekte zu erwerben.

Ob es angemessen ist, angesichts der auf Photos mit Jugendstil-Einschlagfrisur und strenger Bluse überlieferten Dame mit Leidenschaft zu sprechen? Wie auch immer – die passionierte Reiterin, die zu Beginn des Jahrhunderts mit dem Kauf eines Bauernhofs auf der "Höge Veluwe" in der Provinz Gelderland die Basis für spätere Aktivitäten in Natur (und Kunst) legte, entwickelte zur selben Zeit einen hohen Sinn für ästhetische Fragen. Da Geld keine Rolle spielte, konnte sie auf der Stelle für Antworten sorgen. Zwischen 1908 und 1921 wuchs ihre Kollektion zur größten modernen Privatsammlung ihres Landes an; 1933 umfaßte diese rund 4000 Zeichnungen, 275 Skulpturen, mehrere hundert Gemälde erster Qualität sowie ostasiatische und primitive Skulptur und Keramik.

Was die Kunstfreundin am höchsten schätzte und in kurzer Zeit en gros in Brüssel, Paris, Berlin oder in Holland kaufte, zählt noch heute zu den großen Attraktionen des Museums: Bilder und Zeichnungen Vincent van Goghs. Man muß sich das vorstellen und bedenken, daß die Lust auf solche Kunstwerke auch damals kein preiswertes Vergnügen mehr war: Madame ließ sich im April 1912 von ihrem Berater nach Paris begleiten und erwarb an einem Tag, vor und nach dem Lunch, gleich mehrere Gemälde van Goghs, dazu Bilder von Signac und Seurat, wenig später einige Werke Corots, Daumiers und wieder einmal van Goghs; zwischendurch fand man einen mittelalterlichen Christus-Kopf zwischen Trödel. All dies ging zusammen, denn die Sammlung sollte nach ihrem Willen Entwicklungen zeigen. Bevorzugt wurden dabei Werke von "Realisten" und die von "Idealisten". Wobei zu den erwerbenswerten Realisten u.a. Millet, Fantin-Latour und Renoir zählten. Redon oder Seurat waren der Sammlerin wichtig als Künstler des Übergangs in einem von der Realität abstrahierenden "Idealismus", den sie in den kubistischen Werken Picassos und Gris’ oder in den frühen, kubistisch beeinflußten Bildern Mondrians verkörpert sah.

Von wenigen Ausflügen in den Realismus altdeutscher Meister oder flämischer Stilleben-Maler abgesehen, blieb die Kollektion in den Grenzen des späten 19. Jahrhunderts und betonte dazu die damalige Gegenwartskunst. Van Gogh stand als geistiger Anreger der Moderne außer Konkurrenz – rund 280 Bilder und Zeichnungen sind das Ergebnis dieser Verehrung, wobei Höhepunkte seines Werks aus der Zeit in Arles um 1889 noch heute dutzendweise in der Galerie zu sehen sind.

Madame, so kann man sicher sein, kaufte nicht allein zu ihrem eigenen irdischen Vergnügen, nicht "für den augenblicklichen Besitz". Sie dachte, wie sie 1912 schrieb, vielmehr "an die Zukunft und inwieweit ein Werk der Prüfung durch die Zukunft standhalten könne..." Und sie war ehrlich genug, sich und anderen ihre Schwierigkeiten mit der aktuellen Kunst einzugestehen, etwa mit den Kompositionen der Kubisten. "Sie bringen einen aus der Balance und zwingen dazu, auch das Alte mit frischen Augen anzusehen, das Neue aber zu ergründen und beides in ihrer jeweiligen Qualität zu schätzen."

Helene Kröller-Müller lernte, was sie schön finden konnte, und sie wußte sehr bald, was sie häßlich fand, zum Beispiel ihre eigene Villa in Scheveningen. Aus solcher Erkenntnis erwuchs ihr nicht immer glücklicher Umgang mit namhaften Architekten. Der Weg von der unzureichenden Behausung bis zum Bau für eine Kunstsammlung kennt etliche Stationen und beginnt 1911/12 mit drei Entwürfen von Mies van der Rohe und Hendrik Petrus Berlage für ein Landhaus mit Kunstgalerie. Realisiert wurde nichts davon; nur Berlage bleibt dem Familienunternehmen als Angestellter erhalten (so wie später van de Velde), und er baut unter anderem für die Sammlerin und den Jäger im mittlerweile aufgekauften riesigen Naturpark das Jagdhaus St. Hubertus, eine heute monumentale Kuriosität. Berlage entwirft auch als erster ein Museum in der Wildnis. Sein Nachfolger wird 1919 Henry van de Velde, mit einem feierlichen Kunst-Tempel als Steigerungsform der Natur. Auch dieser Plan bleibt auf dem Papier.

Die Wirtschaftskrise beutelte das Kröller-Unternehmen und ließ weder einen weiteren, großzügigen Ausbau der Sammlung zu, noch eine groß dimensionierte Architektur. 1928 wurde die private Kunstsammlung in eine Stiftung umgewandelt, 1935 das "Höge Veluwe"-Gelände für den Gegenwert von 800 000 Gulden zu einem Nationalpark gemacht. Die Werke der Kunst sollten in den Besitz des Staates übergehen, sobald der (innerhalb von fünf Jahren) ein Museum nach den Plänen van de Veldes hatte errichten lassen. Die durchaus rigiden Auflagen wurden beachtet, wenn auch aus wirtschaftlichen Gründen mit einem Provisorium. Die Eröffnung dieses Museumsgebäudes, dem eigentlich ein größeres folgen sollte, liegt jetzt fünfzig Jahre zurück.

Der strenge Bau aus braunem Backstein schiebt sich bis heute, im rechten Winkel zur Straße, als Riegel in den Wald hinein, schmucklos, mit gläserner Front und geschlossenen Längsseiten. Um einen Innenhof liegen die Säle der Van-Gogh-Sammlung; symmetrisch schließen sich kleinere Oberlichträume an, mit schöner Beleuchtung und offenen Durchgängen. Die weißen, 1987 perfekt restaurierten Kabinette zeigen in inspirierender Hängung Beispiele der Kröller-Müller-Kollektion. Die Pavillons und Verbindungsbauten der Museumserweiterungen von W.G. Quist aus den siebziger Jahren, zwischen hohen Bäumen im rechten Winkel zum Altbau errichtet, nehmen dem Baudenkmal van de Veldes nichts von seiner Wirkung.

Von der Ausdehnung her höher und großflächiger, sind sie Wechselausstellungen und der ständigen Sammlung von Gegenwartskunst vorbehalten – Werken zwischen Don Judd und Sol Lewitt, Mario Merz, Joseph Beuys und Jannis Kounellis, zwischen amerikanischer Konzeptkunst und niederländischen Minimalisten. Der Skulpturenpark wäre ein weiteres, separates Thema; er ist ein Beitrag der Nachkriegszeit, auch wenn die 1939 verstorbene Stifterin schon vorher von einem Garten für Bildhauerkunst träumte.

Der Skulpturenhain – mit Maillol und Dubuffet, mit Penck und Penone, Oldenburg und Serra und einer Vielzahl weiterer Künstler – ist eine stete Verlockung für Spaziergänger der Kunst: So auch an diesem Oktobernachmittag, bei Sturm und Regen. Mit Gummistiefeln und Schirm wanderten sie hinaus ins Feuchte, wetterfest und unverdrossen, der Natur und der Kunst entgegen. Ein Bild, das Wintergäste im "Höge Veluwe" optimistisch einstimmen sollte. (Geöffnet von 10 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11-17 Uhr. Zum Jubiläum erschien ein Katalog, 49,50 Gulden)