Viele bedeutende Schriftsteller haben hier gelebt, doch den großen Ruhm brachte ein Film

Von Alexander Schmidt

Der erste Gang in Odessa führt natürlich zu jener Treppe. Wir finden sie nicht auf Anhieb, genieren uns, ausgerechnet nach dieser Treppe fragen zu müssen. Schließlich wenden wir uns an einen älteren Herrn, er lächelt und weist uns den Weg. Dann stehen wir oben an der Treppe, blicken hinunter auf den Hafen. Direkt unter uns legen die Passagierschiffe an, die kleinen, die nur die Küste entlangfahren zu den Vororten und Stränden, und die großen Überseedampfer. Der „Morskoj woksal“ – der „Seebahnhof“ – mit Schalterhalle, Restaurant, Zollabfertigung und Andenkenläden ist ein würdiges Tor zum Schwarzen Meer. Dort unten sollen die Soldaten des Generals Suworow im Jahre 1794 die ersten Pfähle für den Odessaer Hafen in den feuchten Sand gerammt haben.

Von hier oben sieht man nur die Absätze der Treppe, keine Stufen, so, wie von unten her nur die Stufen sichtbar sind – eine kleine Spielerei des Architekten. Und plötzlich können wir es uns vorstellen, glauben den weißen Kinderwagen zu sehen, wie er hinunterrollt, glauben die Soldatenstiefel zu sehen, die im Gleichschritt Stufe um Stufe marschieren – die Szene aus Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potjomkin“.

Langsam schreiten wir hinunter, folgen der Filmszene. Vor uns drei Matrosen der Marine, daneben Frauen und Männer mit Einkaufstaschen und Aktenkoffern. Andere halten einen Stadtplan in der Hand oder einen Reiseführer, ein Photoapparat baumelt von der Schulter: Touristen aus den verschiedenen Republiken der Sowjetunion.

Nicht weit von der Treppe, dem Geschmack seiner Zeit entsprechend mit Toga und Lorbeerkranz bekleidet, steht in Bronze auf einem Sockel Herzog Richelieu, der erste Stadthauptmann von Odessa – ein indirekter Nachfahre jenes Kardinals, der Ludwig XIV. half, Frankreichs Großmachtträume zu erfüllen. Dieser Herzog Richelieu war nach der Französischen Revolution emigriert und hatte in Rußland Aufnahme gefunden. Kaiserin Katharina ernannte ihn 1795 zum Oberhaupt der neugegründeten Stadt Odessa. Die Straße, die hinter dem Denkmal des Herzogs durch die Stadt führt, hieß früher Jekaterininskaja – Katharinenstraße. Heute trägt sie den Namen Uliza Karla Marxa. Die Parallelstraße links daneben war früher nach dem Stadthauptmann Rischeljewskaja benannt. Nun ist sie zur Uliza Lenina geworden.

Die meisten Häuser des Stadtkerns entstanden im vorigen Jahrhundert. Sie sind zwei- oder viergeschossig, klassizistisch, barock, im Jugendstil oder ganz schlicht, manche mit Weinstöcken an der Fassade – dem Geschmack oder Geldbeutel der ehemaligen Besitzer entsprechend. Hohe Fenster und phantasievolle Fassaden zeugen von dem Reichtum vergangener Tage: Da halten Atlanten die Weltkugel, winken Amoretten, Karyatiden und immer wieder Ceres, die Göttin der Fruchtbarkeit und der Erde, und Merkur, der Gott der Kaufleute und Diebe.

Ein Dach aus Platanen

Auch die Einwohner, die Passanten auf der Straße, scheinen in sich hineinzulächeln. Andere wiederum, pausbackig, eine gesunde Röte auf den Wangen, blicken wie unbeteiligt, sind immer am Weitergehen. Die Stadt ist in den letzten Jahren stark gewachsen. 1,1 Millionen Einwohner, sagen die offiziellen Angaben. Wer sind die echten Odessiten? Die mit den Pausbacken, den breiten Gesichtern stammen wohl eher aus dem ukrainischen Umland.

Wir kommen an einer Buchhandlung vorbei. Davor ein Wühltisch mit Gelegenheitsangeboten. Der Verkäufer bedient seine dicht an dicht stehenden Kunden rasch und souverän. Er ist untersetzt, spitzes Kinn, spitze Nase, hellkariertes Hemd, schwarze Hose, den Panamahut hat er ein wenig ins Genick geschoben. Ich wende mich an ihn, ob ich mal das Buch mit den Fischen sehen könne, das da hinten...

Wir gehen weiter die Uliza Lenina entlang. Die Äste und Blätter der Platanen vor uns wölben sich zu einer grünen Kuppel über Gehsteig und Straße. Vor allem sind es jedoch die Akazien, die das Bild von Odessa prägen. Wenn sie Ende Juni verblühen, dann wirbeln in manchen Straßen die weißen Blütenblätter so dicht im Wind, daß es wie ein Schneegestöber aussieht.

Seit ein paar Jahren schon ist die Deribasowskaja eine Straße ohne Autos, nur den Fußgängern vorbehalten. Einst zählte sie zu den berühmten Straßen Rußlands, Europas, vergleichbar dem Newskij Prospekt, den Champs-Elysées. Heute wirkt sie eher grau, es fehlt an Geldern für die Renovierung der Häuser – ein Mißstand, dem die Prawda im Juni 1987 eine ganze Seite gewidmet hat.

Auf dem Bürgersteig vor den Geschäften, Cafes, dem Kino und den alten Hotels reiht sich ein Verkaufsstand neben den anderen. Hier gibt es warme Piroggen zu kaufen, dort süßes Gebäck, daneben Kochtöpfe und Reisetaschen. Vor dem Büchertisch einer großen Buchhandlung drängen sich die Kunden, die mit geschulten Augen das Angebot durchforsten.

Ihren Namen erhielt die Deribasowskaja nach dem General José de Ribas, einem in Neapel geborenen Spanier in russischen Diensten. Ihm hatte man nach der Gründung Odessas 1794 den Bau der Stadt übertragen. Der eigentliche Architekt war jedoch der holländische Ingenieur Frans de Volland. Er plante die Straßen, die parallel und rechtwinklig zueinander verlaufen, und auch ihre Breite – 32 Meter. Ein Fremdenführer erklärt uns dieses Phänomen: „16 Meter für die Fahrzeuge, 16 Meter für die Menschen.“ – „Warum 16 Meter für die Fußgänger?“ – „Nun, die Odessiten benutzen zum Sprechen auch die Hände. Zwei Personen – vier Meter, das ist gerade genug. Zwei Personen kommen ihnen entgegen: acht Meter. Und auf der anderen Straßenseite noch einmal acht.“

Eigentlich führen Odessas Straßen alle zum Meer, nur die Uliza Lenina nicht, die endet am Opernhaus. Hier tanzte einst Anna Pawlowa ihren „Sterbenden Schwan“. Schaljapin sang den Boris Godunow, Caruso den Bajazzo. Toscanini dirigierte hier und Rimskij-Korsakow, Glasunow, Prokofiew ...

Ebenso prägend für die Stadt wie die Bühne des Opernhauses war die Person Pjotr Solomonowitsch Stoljarskijs. Von ihm lernten die Kinder Geige zu spielen. Stoljarskij und Odessa – es war eine Art Symbiose. Odessa wurde durch ihn zur Musikstadt, er wurde durch Odessa zum großen Musikpädagogen.

Aber Odessa ist auch eine Stadt der Literatur. Es gibt kaum einen Namen in der russischen Literaturgeschichte, der nicht mit einer bronzenen Gedenktafel an einer Hauswand vertreten wäre. Entweder sind die so Geehrten in Odessa geboren: Isaak Babel, Walentin Katajew, die Satiriker Ilf und Petrow; oder sie kamen zur Erholung zu Besuch, wie Tschechow und Bunin. Alexander Puschkin dagegen war nicht ganz freiwillig in Odessa, der Zar hatte ihn wegen politischer Unbotmäßigkeit aus den Residenzstädten Moskau und Petersburg verbannt.

Sand aus der Steppe

In der Gogolstraße, nicht weit vom Meer, hat Nikolaj Gogol 1850/51 gewohnt. In dem großen Erker, der im ersten Stock gedrungen und zylinderförmig über der Straße hängt, saß Gogol und schrieb an den „Toten Seelen“. Kalt muß es im Winter gewesen sein, denn der dünne Fußboden schwebt frei über der winddurchfegten Straße. Gogol jedenfalls klagte über das Klima in Odessa, er sehnte sich nach Moskau zurück.

Vielen – Puschkin, Gogol, Tschaikowskij, dem Literaturkritiker Belinskij – fiel der feine schwarze Staub in der Stadt auf. Als wir in einen heftigen Regenguß geraten, erleben wir den schwarzen Staub als dunkelflüssigen Brei. Schon nach dem ersten Häuserblock ist die Hose mit einem dunklen Muster überzogen. Ob es die fruchtbare Schwarzerde aus der Steppe um Odessa ist, die vom Wind als feiner Staub herübergeweht wird?

Am Tag unserer Abreise folgen wir den Scharen von Odessiten zum Strand von Otrada und tummeln uns im braunen Wasser des Schwarzen Meeres. Später verabschieden wir uns von der Stadt Odessa. Gehen noch einmal durch die Deribasowskaja, am alten Hotel „Spartak“ vorbei und am Hotel „Bolschaja Moskowskaja“. Oberhalb des Hafens sehen wir noch einmal, versteckt hinter Bäumen und Baugerüsten, das Hotel „Odessa“, ehemals „London“, der Baedeker von 1893 erwähnt es lobend. Das Haus wird renoviert. Ein freundlicher Maurerpolier läßt uns trotzdem hinein, führt uns über Holzbretter, wir sehen den vielgerühmten Speisesaal: Stuck und Gold, ausladend ornamentale Pracht zwischen Farbeimern und Zementwannen, Leitern und schützenden Rupfenvorhängen. 1989 soll es wieder eröffnet werden.

Draußen blendet uns die Abendsonne. Unter dem dichten Laub der Bäume sitzen alte Männer und spielen Schach.