Von Reinhard Baumgart

Unterhaltsam war dieser Abend an vielen Punkten, langwierig über einige Strecken, beides nicht unerwartet nach der Lektüre dieses heftigen Potpourris. Erstaunlich war aber doch, wie sang- und klanglos, wie ohne Nachhall in Augen, Ohren; Kopf und Herz dieses mit Einsatz, Witz und Tempo durchgespielte Theaterfeuerwerk dann verpuffte. Obwohl: Hat es der Theaterautor Botho Strauß, dieser genaueste Beobachter unserer Mischmasch-Mischpoken-Gesellschaft der siebziger Jahre, im neuen Jahrzehnt irgendjemandem je ganz und gar recht gemacht?

Die Mißverständnisse begannen gleich 1980 mit „Kalldewey Farce“, diesem fidelen Kehraus aller bis dahin bekannten Strauß-Motive, -Figuren, -Obsessionen. So gesagt wie gekonnt, befanden damals die Kenner, aber wohl doch eher ein Rätsel-, ein Lesestück, also: unspielbar. Doch die Farce lief dann Saison für Saison als Renner bis in die Provinz. Strauß aber, der anders als mancher Kollege Gefälliges bei guter Auftragslage nicht in Serie gehen läßt, kroch mit dem nächsten Stück „Der Park“ unter die riesigen, dunklen Fittiche Shakespeares. Ins Trudeln geriet er, kaum ins Fliegen. Dann lieber Shakespeare pur, hieß es nun. Worauf Strauß trotzig auf eigene Faust ein eher trübes Melodram hochzustemmen suchte zum Urschrei-Inbild des Geschlechterkampfes: „Die Fremdenführerin“. Und wieder machte raunend eine Vermutung die Runde, die öffentlich und laut nur Peter Zadek ausgesprochen hatte: Im Grunde wäre Botho Strauß vielleicht ein herrliches Boulevard-Talent, aber als guter Deutscher über diese seine Begabung beschämt.

Wer nun im kichernden Münchner Kammerspielparkett dem ersten Akt der neuesten Strauß-Komödie zusieht, kann eine schöne lange Weile meinen: endlich. Endlich nimmt sich Strauß den Zadek zu Herzen und macht Ernst mit dem Unernst. Jürgen Rose hatte den bis zur Brandmauer aufgerissenen Bühnenraum, damit auch dessen nackte Wirklichkeit noch künstlich wirkt, mit den säuberlich bemalten Attrappen eines kahl aufgerissenen Bühnenraums behängt. So war ein Signal gesetzt: wir zeigen diesmal Theater, bevor es Theater wird, im Zustand der Probe, des Anlaufs, als ob das Als-ob noch gar nicht wahr, wäre –, aber das alles zeigen wir als Theater, als Kunst des Als-ob.

Auf der kahlen Bühne ringen im kalten Arbeitslicht um ihre Rollen zwei ungleiche Gegner, ein in seine routinierte Technik, seine Profitrauer und -arroganz wie in eine Toga eingehüllter Alt-Mime (Heinz Bennent) und der so hoffnungsvoll idealistische wie hoffnungslos unbegabte junge Kollege (Axel Milberg), gehemmt und verstört auch noch durch seine Herkunft aus der DDR: Karl Joseph gegen Maximilian Steinberg, und als Ringrichter und Regisseuer punktet, exakt, doch bedauernswert in einer fast nicht geschriebenen Rolle Wolfgang Pregler. In die zweite Runde des Schaukampfs stürzt sich dann noch eine weibliche Spielbestie, eine ausgekochte. Hysterica (Cornelia Froboess), den Mund, das Herz, die Lunge voll von allen tiefen platten Weisheiten aktueller Müsli- und Tierschutzgesinnung. Die Rollenverteilung ist also klar: zwei sind tief versunken in den Künsten der Menschendarstellung und Selbstverbergung, der dritte aber, der DDR-Mensch, der immer mitspielen möchte, bleibt immer nur draußen.

Der Star als Pausenclown

So ernst wie sich das anhört, wurde es in München am Anfang gar nicht genommen. Dort begann zunächst ein Kammerspielfest für Schauspieler, genauer: ein Fest für Heinz Bennent. Dieser flirrendste aller Theatervirtuosen spielte den Karl Joseph erst so, daß sich ein sicherer Umriß gar nicht erkennen ließ. Die Figur, offenbar entworfen als eine Will Quadflieg-Studie oder -Parodie, irrlichtert, changiert. Als würde Heinz Bennent einen Quadflieg spielen, der Minetti als Kinski mimt. Ein eitler Könner erscheint, aber auch ein alter Mann, schutzlos, verwahrlost, mit lauter öden Anekdoten und Tricks im traurig leeren Kopf. Er brilliert zwar, aber immer nur mit Witzen und Wahrsprüchen aus zweiter Hand. Kurz: in einer zur Großcharge aufgedonnerten Rolle entdeckt Bennent unverhofft einen Menschen, ein Arbeitstier, mitgenommen, zerzaust von tausendundein Verstellungskunststücken. Nichts, so zeigt Bennent, verwirrt so einen alten Könner mehr als eine Berührung mit dem sogenannten, dem ganz und gar ungekonnten wirklichen Leben. Wenn ihm das zugemutet wird, verfällt das Gesicht wie das eines verkatert aus wirrem Schlaf und Traum Erwachten, die Lippen mümmeln, der Kinnladen sackt ab, im Mund scheint sich ein eklig säuerlicher Geschmack auszubreiten. Erst die nächste Anekdote, vom „Nachkriegs-Hilpert in Göttingen“ oder vom Kriegs-Gründgens in Berlin, rettet ihm wieder das Leben.