Kafkas Fleisch

Neulich saß der Edelporno-Produzent Thomas Ganske an seinem Schreibtisch und streichelte liebevoll die abwischbaren Seiten der neuen Tempo-Nummer. Wie schön das Heft wieder geraten war! Der Zahnarzt Robert van Ackeren hatte seiner Helferin Sonja mit einer riesigen roten Muttertagsschleife die Augen verbunden und dafür ihre gewaltigen Brüste freigelegt; der ostmärkische Schmuddelmaler Manfred Deix hatte den armen Brian Wilson mit seinen debilen Nackerten verstört; und die beiden Leibesanbeter Horst P. Horst und Helmut Newton waren der deutschen Olympiamannschaft so rabiat an die Figur gegangen, daß sogar Oma Riefenstahl erröten mußte. O so schön! Seufzend klappte Thomas Ganske sein Herzensanliegen wieder zu und kam unvermutet ins Grübeln. Manchmal, ja, da war er seines Treibens sterbensmüde, sehnte er sich nach Höherem, Bleibendem, nach dem zum Beispiel, was der Kafka Franzl zustandegebracht hatte. „Es ist leichtes, viel-Wasser-haltiges, zart aufgedunsenes, nur ein paar Tage lang frisches Fleisch,... aber das ist nur ein Beweis für die Kürze des Menschenlebens“, schrieb der damals, 1922, aus der Sommerfrische an seinen Freund Max Brod. Kafka, der verstand wenigstens was vom Fleisch. Guter Mann. In London bei Sotheby’s wollten sie, hatte er, Ganske, gehört, ein Manuskript von ihm, dem Kafka, versteigern. Mindestens 3,1 Millionen sollte „Der Prozeß“ wert sein. Wenn der Kafka schon nicht als Autor für Tempo in Frage kam, wollte er, Ganske, sich nicht lumpen lassen: Sogleich schrieb er einen Scheck aus auf 250 000 Mark und forderte seine Kollegen auf, mit. ihm zusammen die Handschrift für Deutschland zu erwerben. Damit die Scham, Kafka der ausländischen Konkurrenz überlassen zu haben, uns nicht überlebe.

Krista Keller

Sie war Anne Frank und Hamlets unselige Ophelia. Sie hat die koketten Mädchen und die leichtsinnigen Damen gespielt – zu beinahe allem (und mit beinahe jedem) bereit. Aber Krista Keller ist gleichwohl niemals ein Star des Salontheaters geworden, sondern gerade im Gegenteil: eine kühne Melodramatikerin, eine tollkühne Tragödin. Die Rolle ihres Lebens spielte sie (wahrhaft um ihr Leben spielend) bei Fritz Kortner: Sie war die Marie Beaumarchais in seiner legendären Inszenierung von Goethes „Clavigo“. Die scheinbar lächerliche Behauptung der Kolportage, daß ein Verlassener am gebrochenen Herzen sterben kann, verwandelte sie in den fürchterlichsten Ernst – eine Schlafwandlerin des Unglücks, eine Fieberkranke der Liebe, eine bleiche Braut des Todes. Bei Kortner hat sie noch eine andere unwahrscheinliche Figur gespielt und wahr gemacht: die Lady Milford in „Kabale und Liebe“. 1979 führte sie zum ersten Mal Regie (Büchners „Leonce und Lena“), nicht ohne Erfolg. Aber dann ging sie dem Theater doch verloren – verschwand im Niemandsland zahlloser Fernsehproduktionen. Am vergangenen Samstag ist Krista Keller, 57 Jahre alt, in München gestorben.

König der Vorleser, gekrönt

„Gesegnet sei der Rundfunk, und verflucht seien die Schallplatten- und Cassettenfirmen, die immer noch nicht begriffen haben, welch ein Markt hier brachliegt“ – so stand es vor vier Jahren in dieser Zeitung zu lesen, in einem Portrait von Gert Westphal, der als der „König der Vorleser“ vorgestellt wurde. Der Fluch hat gewirkt – obwohl die Schallplattenindustrie in einem höflichen Protestbrief zunächst auf die Nichtfinanzierbarkeit von Literatur auf Cassetten hinwies. Im vergangenen Jahr aber brachte die „Deutsche Grammophon Gesellschaft“, unter anderem, Goethes „Wahlverwandtschaften“, Fontanes „Unwiederbringlich“ (beide gelesen von Westphal) Hesses „Steppenwolf“ (Will Quadflieg) und Eichendorffs „Taugenichts“ (Dr. Brinkmann alias Klausjürgen Wussow) auf Cassetten heraus. Eine Unternehmung, die vielleicht nicht gleich zum geschäftlichen Knüller wurde, aber offensichtlich nicht ohne Resonanz blieb: Der Deutsche Schallplattenpreis 1988 wurde soeben Gert Westphal für seine Aufnahme von Flauberts „Madame Bovary“ (DGG) überreicht. Einen Glückwunsch nicht nur dem nunmehr gekrönten König, sondern auch der lernfähigen „Deutschen Grammophon Gesellschaft“, die aus diesem Anlaß auch gleich die neueste Versuchung für Hörsüchtige präsentierte: Fontane/Westphals „Effi Briest“.