Und wohin, liebe Seele? Wohin anders als nach Mecklenburg! Das ist ein Land, wo Milch und Honig innen fließt; da hat mancher Pilger schon seine Ruhestätte, mancher Scheinheilige sein Brot, mancher Ignorant Ehrenstellen gefunden; da herrscht noch hat alte deutsche Sitte; da wird vielleicht auch für dich ein Plätzchen sein ..." So jubelt, vor zweihundert Jahren, Emmanuel Hartenstein.

"Und wohin Sie?" Die Frage des Grenzpolizisten im auch heute noch "Interzonenzug" genannten, schleichenden Eilzug von Hamburg über Schwerin nach Leipzig isoliert uns vollends von den DDR-Bürgern im Achter-Abteil, die Einkaufs-Erfahrungen austauschen. "Ach, wir haben in Güstrow eine "Nationale Ernst Barlach-Gedenkstätte der DDR‘..." Unklar bleibt, ob das Frage ist oder Mitteilung an die lauschende Runde im Abteil. Das für längere Zeit ausbrechende Schweigen ist gute Gelegenheit, weiter über Gü-Frage zu lesen.

Als der vierzigjährige Barlach 1910 in die ehemalige Residenzstadt der mecklenburgischen Fürsten zog, schildert er das verschlafene Nest so: "Die Türme von Güstrow, glockentonweit entfernt, winken mit der Gebärde alter Bauten, und wenn man eine Viertelstunde über Land geht, sieht man in allen Tälern lauter Seen liegen."

Der Ton klingt bald nicht mehr so idyllisch. Als den mit Mutter und Sohn ärmlich lebenden Künstler 1928 sein Verleger Reinhard Piper besucht, ein Mecklenburger, dessen Großvater auf dem Friedhof neben der spätgotischen, heute als kleines Barlach-Museum genutzten Gertrudenkapelle begraben ist, notiert er nach einem Spaziergang über die "menschenleeren, holperig gepflasterten Straßen": "Barlach erzählt im Gehn immerzu kleine Geschichten mit dem Unterton: ‚Was ist das doch für ein seltsames Leben! Was sind die Menschen doch für ein kurioses Pack!‘ Oft war dieser Unterton ein wenig knurrig. ‚Man nimmt mich nun in Güstrow in Gnaden an. Ich gehöre jetzt mit dazu. Die Güstrower denken: Feine Leute haben eben auch feine Künstler!‘"

Damals begann der Widerstand deutschnationaler Kreise gegen die Toten-Male, mit denen Barlach in Magdeburg und Kiel, in Hamburg und Stralsund, die Gefallenen des Ersten Weltkrieges ehren wollte. Ein Geistlicher ist es, Lic. Dr. phil. Hans Preuß, Professor der Gottesgelehrtheit an der Universität Erlangen, der in der Neuen Kirchlichen Zeitschrift 1932 unter dem Titel "Christliche Kunst" mit dem Totschlags-Vokabular der Nazis über den Einsamen von Güstrow herfällt: "Was Barlach schafft, scheint mir... asiatisch – Asien als das Land erdverhafteter Stumpfheit und als das Land des Grauens... Seine Typen zeigen ... die breite Mongolenfratze. Alles dies ist ihm immer ausgezeichnet gelungen, er ist ein Künstler, aber man nenne das doch ja nicht etwa deutsch oder gar norddeutsch. Das ist Asien und nichts anderes ..."

In seiner Novelle "Barlach in Güstrow" läßt der 1984 in der DDR gestorbene Franz Fühmann Barlach in dem "Staat der Kerkermeister und Kirchenräuber" so grübeln: "Sie wollten sie nicht hören, diese Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit, die von den stillen Malen... übers deutsche Land gegangen war; sie paßte ihnen nicht, die da gleichgültig an Gräberreihen entlangstampften, ohne zu schauen und ohne zu schaudern, und die nach Katastrophen nichts begriffen und aus Niederlagen nichts gelernt hatten, sie, diese ewig Gleichen, die nichts sahn in der Welt als ihr lumpiges Ebenbild und die mit demselben Siegesgeheul aus dem verlorenen Krieg herausmarschiert waren, mit dem sie einst in ihn hineinmarschierten: ...wahre Germanen, völkische Deutsche, erwählte Rasse, kampffrohe Christen, Retter des Vaterlandes, Führer Europas, Salz der Erde, Herren der Welt..."

Wie hat hier oben, in dem von ihm als "Mehlsupp von Land un Water" bezeichneten Mecklenburg der Meister des realistischen plattdeutschen Romans, Fritz Reuter (1810 – 1874), schon resigniert: "Allens bliwwt bin Ollen."

"Daß meine Mutter sich mit 75 Jahren im Schweriner See ertränkt hat, wissen Sie", erzählte Barlach seinem Verleger Reinhard Piper, als der ihn wieder einmal in Güstrow besuchte. "Ich mußte die Leiche hierherbringen lassen, und das ging damals am besten auf der Chaussee mit einem gewöhnlichen Pferdefuhrwerk. Da stand nun der Sarg auf dem Leiterwagen. Meine Mutter hatte viel Sinn für Humor. Der Kutscher stieg auf und lehnte sich mit seinem breiten, dicken Rücken so recht behaglich an den Sarg, er rückte sich so recht behaglich mehrmals zurecht, bis er am bequemsten saß und steckte sich dann eine Rücken in sein rotes Gesicht. Da dachte ich: Wenn meine Mutter das mit ansehn könnte, sie würde noch in ihrem Sarg darüber lachen ... Wenn sie in Güstrow wen begraben, sagen die Leute ganz gemütlich: ‚Rut mit em to‘n Möhlendoor!‘ Vor dem Mühlentor liegt nämlich der Friedhof." Da erinnern wir uns an den verschwiegenen Aufschrei Barlachs in seinem "Güstrower Tagebuch" vom 13. März 1917: "Gestern abend war wieder die mütterliche Rache über mir, es ist zu schrecklich, um davon zu schreiben –"

Und wie elend, wie qualvoll langsam haben sie Barlach sterben lassen. In "Jahrestagen", die man, behutsam, auch als eine Art Güstrower Tagebuch entziffern kann, notiert Uwe Johnsohn: "Am 24. Oktober starb Ernst Barlach, Bildhauer, Zeichner, Dramatiker. Weil er für einen Juden gehalten wurde, war er in Güstrow auf der Straße angespuckt worden. Den hatten sie mit Verboten von Arbeit und Ausstellungen gehetzt, bis er sich hinlegte und starb.

Am 18.Juli 1937 eröffnet Hitler sein "Haus der Deutschen Kunst". Im Rundfunk wettert er gegen die "Verfallskunst": "Es gibt doch wirklich Männer, die die heutigen Gestalten unseres Volkes nur als vollkommene Kretins sehen, die grundsätzlich Wiesen blau, Himmel grün, Wolken schwefelgelb empfinden ... Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung."

Barlach in seinem kleinen Haus am Inselsee in Güstrow hört das Geschrei des sich als Führer aufspielenden Kunstmalers am "Volksempfänger". Auf die Seite seines Romans vom "Gestohlenen Mond", die er gerade schreibt, kritzelt er unten hin: "Die Kanonenschläge aus dem Süden haben mich arg angedonnert."

In den Münchner Hofgarten-Arkaden hat Hitler gleichzeitig die Ausstellung "Entartete Kunst" aufbauen lassen. Von den rund 17 000 Kunstwerken, die Hitlers "Säuberungskommissionen" 1937 beschlagnahmten, waren 381 Werke von Barlach. Zum Angriff geblasen hatte der Weimarer Professor Adolf Bartels mit einem infamen Klammer-Sätzchen in seiner "Geschichte der Deutschen Literatur" schon 1928: "Neuerdings werden die Dramen des Bildhauers Ernst Barlach (aus Wedel an der Elbe, geb. 1870, wohl entfernter jüdischer Herkunft) häufiger aufgeführt."

Ein anderer Professor, Dr. Dr. h.c. Paul Schultze-Naumburg, Leiter der Staatlichen Hochschule für Baukunst in Weimar, ruft schon im Titel seiner Schrift zum "Kampf um die Kunst": "Gänzlich verfehlt ist es aber, wenn Künstler gar den Versuch machen, einen Entartungstyp zur allgemein gültigen Norm des deutschen Volkes zu erheben, ja, es sogar über sich bringen, unsere Feldgrauen als solche Halbtiere darzustellen und sie in solchen Entstellungen in Denkmälern zu verewigen. Aber Gott sei Dank, es gibt immer noch genug Menschen in unserer deutschen Volksgemeinschaft, denen der Stahlhelm genauso gut zu Gesicht steht wie dem Bamberger Reiter die Krone."

Kurz vor Weihnachten 1937 erhält Barlach einen eingeschriebenen Brief, Aktenzeichen: VII KA 5232, aus der Berliner Ahornstraße 2, wo die Reichskammer der bildenden Künste residiert. Ein Heinz Lederer teilt, beglaubigt von einem Sekretär Granzow, dem Künstler mit, "der Herr Reichsbeauftragte für künstlerische Formgebung" habe drei Plastiken und sechs Zeichnungen (darunter die "Stehende Engelsgestalt" und den "Schreitenden mit Stock") "beanstandet" ... und teile ich Ihnen mit, daß diese Werke nicht mehr ausgestellt werden dürfen".

Barlach bekommt in diesem Jahr auch andere Post. Die "Reichsstelle für Sippenforschung" teilt ihm mit, er sei "deutschen oder artverwandten Blutes im Sinne der ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 sowie arisch im Sinne der Richtlinien zu § la des Reichsbeamtengesetzes in der Fassung des Gesetzes vom 30. Juni 1933". Man kann sich vorstellen, wie ein Künstler auf dieses Eintrittsbillet in die arische Volksgemeinschaft reagiert, der schon im Jahr von Hitlers "Machtergreifung" gehöhnt hat: "Mist von Rindern ist ja gewissermaßen kein Mist im Vergleich mit weltanschaulicher Verranntheit."

Auch das Finanzamt meldet sich: Im abgelaufenen Steuerjahr hat Barlach, Ernst, mit seinen bei Cassirer verlegten Dramen und der Autobiographie "Ein selbsterzähltes Leben" 40,50 Reichsmark eingenommen.

Es ist die Zeit, da der schwerkranke Mann bitter Bilanz zieht: "Das am 24. August im hiesigen Dom fortgeschaffte Ehrenmal, genannt ‚Domengel‘, ist nun der vierte kirchliche Fall – erst Magdeburg, dann Kiel, Lübeck, dann Güstrow. Sämtliche Stücke in der Nationalgalerie sind ausgeräumt, und dabei wird es ja nicht bleiben ... Zum Arbeiten werde ich auf absehbare Zeit nicht kommen, ins Ausland gehe ich nicht, im Vaterlande muß ich mich wie ein Emigrant fühlen – und zwar schlechter als ein wirklicher, weil alle Wölfe gegen mich und hinter mir heulen."

Als Aushängeschild ist der im Nazi-Deutschland unterdrückte, mit Berufsverbot bestrafte Barlach den Machthabern nämlich noch einmal willkommen. "Streng vertraulich" ergeht die Aufforderung ins Atelierhaus am Heidberg, für die Pariser Weltausstellung ein Werk einzusenden. Bewahrt nicht Goebbels selber zwei kleine Plastiken von Barlach auf, eine Bronze, eine Porzellanfigur, die er ausgewählten Besuchern nicht ohne Besitzerstolz vorführt?

Güstrow, das Städtchen im Tal des Flüßchens Nebel, das an diesem Herbsttag seinem Namen Ehre macht, war seit dem 13. Jahrhundert Residenz von Fürsten und Herzögen, zwischen 1621 und 1695 sogar Hauptstadt des Herzogtums Mecklenburg-Güstrow. Von 1628 bis 1629 residierte hier, zwischen Wäldern, Seen und von umherziehenden Soldatenhaufen zerstörten Dörfern, der zum Herzog von Mecklenburg erhobene Feldherr Wallenstein.

Großmächtige Erinnerungen. Sie verblassen, als wir gegen 9 Uhr morgens auf dem verlassenen Platz vor dem Bahnhof, in dessen Schankraum Barlach jahrelang jeden Morgen zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen kam, nach einem Taxi Ausschau halten, das uns die zehn Kilometer zur "wiedereröffneten Ernst Barlach-Gedenkstätte der DDR", zum Heidberg am Inselsee, fahren könnte.

Das erste, was uns beim Weg in die Stadt auffällt, ist ein Denkmal mitten auf der belebtesten Straßenkreuzung. Bronze-Igel und Bronze-Hund zu Füßen des Denksteins. Ein fürstlicher Jäger? Doch wir lesen unter dem Relief eines bärtigen Mannes: John Brinckman, 1814 Rostock – 1870 Güstrow. Brinckman ist der neben Fritz Reuter und Klaus Groth bedeutendste Vertreter der mecklenburgischen Literatur – "an dichterischer Kraft, Stimmungsechtheit und Atmosphäre Reuter und Groth überlegen", versichert das Literaturlexikon über den außerhalb Mecklenburgs fast unbekannten Dichter.

Im Schaufenster des Photogeschäftes Ebel entdecken wir Barlachs Porträt, daneben ein handgemaltes Schild mit dem kühnen Satz Barlachs an Charitas Lindemann vom 27. November 1909: "Güstrow kann sich sehr wohl neben eine toskanische Stadt stellen ..."

Vor so viel plattdeutscher Zuversicht retten wir uns durch strömenden Regen auf die andere Straßenseite – und finden uns vor dem Haushaltsgeschäft von "Adolf Papenbrock, Nachf". Und sind von Ernst Barlach in zehn raschen Schritten zu Uwe Johnson gekommen, der in Güstrow zur Schule gegangen ist. Die Papenbrocks sind im großen Epos "Jahrestage" neben den Cresspahls die andere große mecklenburgische Sippe. Albert Papenbrock ist bei Johnson Landwirt, Gutspächter, Unternehmer, Hauptmann a.D., der auf die Nazis setzt. Sein jüngstes Kind, Lisbeth, heiratet Heinrich Cresspahl und ist die Mutter der Erzählerin, Gesine Cresspahl, die allen Lesern Johnsons schon seit seinem ersten Roman "Mutmaßungen über Jakob" (1959) vertraut ist.

Und jetzt zeigt sich, wieder einmal, wie gut die Buchreihe "Anders reisen" des Rowohlt Verlages ist. Per Ketman und Andreas Wissmach sind die einzigen Autoren, in deren Reisebuch für die DDR Uwe Johnson nicht nur erwähnt, nein: mit einem ganzen Absatz vorgestellt und zur Lektüre – auch in der DDR! – empfohlen wird.

So läßt sich in der "Fußgängerzone" Güstrows Literatur erwandern. Da wir in der DDR sind, darf der Nationalpoet nicht fehlen, dessen Barlach-Lob in der kleinen Stadt fleißig zitiert wird. Brecht hat über Barlachs "Domengel" aus Bronze, der 1944 "zu Rüstungszwecken" eingeschmolzen, 1952 nach einem Modell neu gegossen wurde, den schönen Satz geschrieben: "Daß der Engel des Güstrower Ehrenmals mich überwältigt, ist nicht verwunderlich. Er hat das Gesicht der unvergeßlichen Käthe Kollwitz. Solche Engel gefallen mir. Und obwohl man weder einen Engel noch einen Mann je hat fliegen sehen, so ist doch das Fliegen glorios dargestellt."

Brecht hat auch gerühmt: "Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben." Doch wie immer, wenn Brecht den Mund voll nimmt, ist Vorsicht geboten. Zwar sagt er in seinen "Notizen zur Barlach-Ausstellung" 1952 in Ost-Berlin deutlich, daß ihm "die religiösen Plastiken Barlachs nicht viel sagen", rühmt dann aber doch, verdächtig allgemein, daß Barlach "in seinen schönsten Plastiken... die menschliche Substanz, das gesellschaftliche Potential herrlich über Entrechtung und Erniedrigung hat triumphieren lassen". Die aufrecht stehende, abgemagerte junge Frau der Gips-Plastik "Das schlimme Jahr 1937" kann Brecht sich sogar "gut als Aktivistin von 1951 vorstellen".

Was der alte Barlach zu so faulem Lobpreis wohl gesagt hätte? Immerhin hat Brecht es gut, ja: ehrlich gemeint. Fast immer wird bei diesen Zitaten vergessen, daß Brecht, erst wenige Jahre in der neuen Heimat DDR, entsetzt war über die kunstfremde Borniertheit, mit der Barlach, von den Nazis zu Tode gehetzt, jetzt auch von den engstirnigen, blinden Kunstwächtern Ulbrichts im Namen des "Sozialistischen Realismus" stalinistischer Prägung an den Pranger gestellt wurde.

Was mußte Brecht am 4. Januar 1952 im Neuen Deutschland lesen? Barlach wird da als ein "auf verlorenem Posten stehender, in seinem Grundzug rückwärts gewandter Künstler" abgefertigt, der nicht in die Tiefe der Seele des unterdrückten Menschen gedrungen ist. Seine Geschöpfe sind eine graue, passive, verzweifelte, in tierischer Dumpfheit dahinvegetierende Masse, in denen auch nicht der Funke eines starken, lebendigen Gefühls des Widerstands zu spüren ist. Barlachs Werk enthält nichts Zukunftweisendes. Deshalb kann er für uns nicht als Lehrmeister gelten."

Was unterscheidet so verblödete Kunstanschauungen, wie sie der damals mächtige Kulturpolitiker Wilhelm Girnus, im Auftrag von Ulbrichts Politbüro, äußerte, von den Haßtiraden des ehemaligen Nachtwächters auf Gut Rabenstein, Friedrich Hildebrandt, der bei den Nazis rasch Karriere machte und als NS-Gauleiter und Reichsstatthalter für Mecklenburg und Lübeck Barlach zur Ordnung rief mit Sätzen diesen Kalibers: "Barlach mag ein Künstler sein, aber er ist dem deutschen Wesen fremd. Der Künstlerstand hat die Pflicht, den deutschen Menschen zu verstehen in seiner einfachen Echtheit, so, wie er von Gott geschaffen ist... Der deutsche Mensch kennt nicht wie Barlach den Bauern als einen faul auf die Erde gestreckten Menschen, sondern als den harten, selbstbewußten Mann, der mit brutaler Faust, mit dem Schwert in der Hand sich den Weg bahnt."

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Es ist der DDR gelungen, die Sätze von Girnus in fast allen Büchern der letzten Jahre zu unterdrücken, weil die Parteilinie heute verlangt, Barlach nicht dem Westen zu überlassen sondern ihn dem kulturellen Erbe der DDR zuzuschlagen. Beschämend ist es, in dem zum Gedenkjahr erschienenen Buch von Tom Crepon "Ernst Barlach – sein Leben und Leiden" (Hinstorff Verlag, Rostock; Linzenzausgabe bei Dausien, Hanau) zwar einen kurzen Hinweis auf die damalige "Formalismus-Debatte" zu finden, Wilhelm Girnus, den späteren Herausgeber der Zeitschrift Sinn und Form, aber gar nicht genannt zu finden ("In einem mit Gi. gezeichneten Artikel des Neuen Deutschland ..."). Ist die DDR wirklich noch so schwach, daß eine offene Diskussion über – historische – Debatten, möglicherweise Irrtümer, noch immer nicht geführt werden kann?

Auf jeden Fall wird in der DDR über Barlach noch oft mit den – gutgemeinten – falschen Argumenten gestritten, also nach "gesellschaftlichem Potential", nach Ausformungen "proletarischen Bewußtseins" geforscht. Dann kommt es zu so grotesken Mißverständnissen, daß der Bildhauer Fritz Cremer in Barlachs früher Plastik "Die Krautpflückerin" (1894) "das Volk" entdeckt, "den sogenannten Menschen von der Straße", der hier "wieder in das reale optische und geistige Blickfeld" trete. Als ob es nicht vor Barlach und zu seiner Zeit Versuche genug gegeben hätte, Arbeiter darzustellen.

Wie schön wehrt sich der von keiner Ideologie zu vereinnahmende Barlach gegen so anmaßende Rekrutierung: "Meine neue Figur ist sehr gewagt; ein Bauernmädchen, das sich bückt, um Gras auszuraufen, zeigt einen faltenlosen Rock über dem mächtigen Hintern." Die Arbeiterklasse, deren Elend diesem Mit-Leidenden immer gegenwärtig war, hat den Skulpteur bei dieser Handwerksarbeit weniger interessiert als ein ganz bestimmtes, wenn man will: formalistisches Problem: "Gib Dir um Gottes willen Mühe, meinen Weiberrock zu verstehen! Das ist mein Stolz, meine stilistische Eroberung: die ganze Figur in drei großen Flächen ohne Benachteiligung der Bewegung zu packen."

Wer aus dem Westen kommt, soll bei Barlach vorsichtig sein. Denn vor fünfundzwanzig Jahren ist in Ratzeburg Beschämendes geschehen. Barlach wollte zwar in Mecklenburg sterben, nicht aber in Güstrow begraben sein, wo er so gedemütigt worden ist. Sein Grab liegt in der von ihm "Vaterstadt" genannten Gemeinde Ratzeburg, vier Kilometer hinter der Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR. Dort hat der Junge von 1877 bis zum Tod des Vaters 1884, neben dem er jetzt ruht, einige glückliche Jahre gelebt. Als auf dem Friedhof in Ratzeburg an den 25. Todestag Barlachs gedacht wurde und der damalige Präsident der Akademie der Künste der DDR, Willi Bredel, einen Kranz niederlegte mit der Aufschrift "Dem humanistischen Künstler Ernst Barlach", schritt der Bürgervorsteher der Stadt Ratzeburg zur Tat. Er zog eine Schere aus der Tasche – offenbar hatte er sich gut vorbereitet – schnippelte aus der Schleife das Staatsemblem der DDR heraus, erklärte, er könne den Anblick des "Spaltersymbols" nicht ertragen und meinte im besten Revanchisten-Deutsch: "Es ist besser, eine Operation vorzunehmen, die ihrerseits zum Symbol dafür werden möge, wie man Probleme lösen könnte..."