Von den deutschen Widerstandskämpfern leben vielleicht gerade noch so viele, daß sie an Gedenktagen ein paar Kirchen füllen könnten. Doch wer von den Nazis übriggeblieben ist oder bei denen jetzt im Geiste mitmarschiert, aber das ist ja nichts Neues: für den sind diese Widerstandskämpfer nichts weiter als Verräter; geschlossen könnten sie ganze Fußballplätze überfluten. Und von den Autonomen, die sich Widerstandskämpfer nennen – worin ihnen sogar gewisse Politiker zustimmen – und ihre Chaotengruppen auch zum kalkulierten Blutvergießen kommandieren, für nichts und wieder nichts, soll hier gar nicht die Rede sein, nur, daß ganz zufällig in der Nähe eines ihrer Hauptquartiere in der Hamburger Hafenstraße vor sechs Wochen ein Mann im Alter von 79 Jahren starb, der sich über 40 Jahre lang mit der Frage abquälte, ob er Widerstandskämpfer oder Verräter war.

Niemand hatte Walter A. dazu aufgefordert, der sein ganzes Leben an einem angeborenen Hüftleiden litt, schon auf der Schule manchmal als Krüppel beschimpft wurde, sein Klassenlehrer sprach hinter seinem Rücken von lebensunwertem Leben, nach den Nürnberger Gesetzen zu den Vierteljuden gehörte und Anfang des Krieges als kaufmännischer Angestellter mit französischen Sprachkenntnissen auf einer U-Bootswerft in Hamburg dienstverpflichtet worden war. Unter den „Fremdarbeitern“ auf der Werft spielte ein Dichter eine Rolle, so nannte er sich wenigstens, der französische Autor Maurice Sachs. Er sah in Walter A., wie der selbst auch, keinen Krüppel, sondern ein nicht unbelesenes, ziemlich vereinsamtes, hilfsbereites Mitglied der Verwaltung.

Bei Eintopfgerichten ohne Lebensmittelmarken in einem Chinesischen Restaurant auf St. Pauli nährte Sachs Walter A.’s Nazihaß und luchste ihm geheime Informationen über den U-Bootbau ab; Lagepläne, Bunkerbeschaffenheit und Kopien von Arbeitsprotokollen kamen hinzu. A. ahnte jedoch nicht, daß seine Informationen, die Sabotagezwecken dienen sollten, vom Turm einer skandinavischen Kirche am Hafen aus nach London gefunkt wurden. Die daraufhin gezielt erfolgten Bombenangriffe auf die Werft kosteten auch erhebliche Opfer unter den „Fremdarbeitern“; am Bunkerbeton kratzten sie aber nur. Maurice Sachs wurde von der Gestapo abgeholt, gestand ihr alles und leistete auch noch Spitzeldienste für sie. Mithäftlinge schlugen ihn jedoch tot, als die Engländer einmarschierten.

Aber Walter A. blieb verschont. Er saß wie zur Erinnerung noch jahrelang in dem Chinesischen Restaurant, und hat mir kurz vor seinem Tode gesagt, was damals passiert ist, weil er fest mit dem Tod rechnen mußte. Er hätte nicht an Krebs, sondern genauso gequält an Herzschwäche sterben können.

Auf seine ganzen Fragen, die er niemandem stellte, wollte er sich keine Antwort geben. Mitwisser brauchte er längst nicht mehr zu fürchten, und Anerkennung versagte er sich sowieso. Sein einziger Lebensinhalt blieben seine Zweifel.