Von Dirk Kurbjuweit

Lusaka im Oktober

Zwei größere Versammlungen gibt es an diesem heißen Tag in Lusaka, der Hauptstadt Sambias. Vor dem Obersten Gericht jubeln einige hundert Menschen Präsident Kenneth Kaunda zu, der seine Kandidatur für eine sechste Amtszeit bekanntgibt. Im Hintergrund stehen die Busse der Einheitspartei UNIP, mit denen die Zuschauer herbeigekarrt wurden. Etwa zur selben Zeit haben sich vor dem staatlichen Supermarkt an der Cairo Road knapp hundert Männer und Frauen in einer langen Schlange aufgereiht. Vielleicht, so hoffen sie, gibt es heute Speiseöl, vielleicht gibt es Zucker. Wahrscheinlich Werden sie aber am Abend mit leeren Taschen nach Hause gehen, wie gestern und vorgestern.

Kurz vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 26. Oktober in Sambia im südlichen Afrika versucht die Regierungspropaganda dem Volk weiszumachen, Kaundas Politik habe Sambia vor allem Segen gebracht. Der Alltag auf den-Straßen zeugt eher vom Gegenteil.

Sambia geht ins 25. Jahr seiner Unabhängigkeit. Nie hatte es einen anderen Präsidenten als Kenneth Kaunda. In dieser Zeit hat er sich den Ruf erworben, einer der größten Staatsmänner Afrikas zu sein. Beim Gespräch in seinem Urlaubsdomizil am Tanganjikasee führt Kaunda vor, worauf sein Ansehen beruht: geschliffene Rede, diplomatisches Geschick und eine gute Portion Charisma. Sein Verdienst ist sicherlich, daß er aus 73 Stämmen eine Nation geschmiedet hat. Doch ist er auch in der Lage, eine schwere Wirtschaftskrise zu meistern? In Sambia funktioniert derzeit nur noch wenig. Überall stehen die Menschen vor den Geschäften Schlange. Die Überlandbusse sind überfüllt. Den Krankenhäusern mangelt es an wichtigen Medikamenten. Die Wasserversorgung außerhalb Lusakas bricht immer wieder zusammen. Ein riesiger Schwarzmarkt aber liefert prompt, was legal nur schwer zu bekommen ist, von Dollars bis zum Speiseöl.

Die Wirtschaft des Landes stagniert, die Bevölkerung hingegen wächst rapide. Mit 5,6 Milliarden Dollar steht Sambia im Ausland in der Kreide. Im Verhältnis zur Wirtschaftskraft ist es das am höchsten verschuldete Entwicklungsland der Welt. Ein Drittel des Haushaltsansatzes ist nicht durch Einnahmen gedeckt. Das riesige Defizit, zum größten Teil durch heimische Kredite finanziert, treibt die jährliche Inflation auf 60 Prozent. Die Schätzungen über die Zahl der Arbeitslosen liegen zwischen einer und zwei Millionen bei einer Bevölkerung von 7,5 Millionen. Armut und Hunger sind weit verbreitet.

Nach der Unabhängigkeit hatten die Sambier an eine leuchtende Zukunft geglaubt, weil ihr Staat, wie sie sagen, mit einem Kupferlöffel im Mund geboren wurde. Sambia ist der fünftgrößte Kupferproduzent der Welt. Neunzig Prozent der Deviseneinnahmen werden mit diesem Rohstoff verdient. Die Abhängigkeit vom Kupfer rächte sich, als die Preise Mitte der siebziger Jahre stark fielen und Sambias Wirtschaft in den Keller zogen.

1986 versuchte die Regierung mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) die zum größten Teil sozialistisch organisierte Wirtschaft zu liberalisieren – mit harten Folgen für die Bevölkerung. Als im Dezember 1986 der Preis für das Hauptnahrungsmittel mealie meal (Maismehl) um 50 Prozent in die Höhe schoß, gingen die Arbeiter im Kupfergürtel auf die Barrikaden. Fünfzehn Menschen starben bei den Unruhen.

Kaunda nahm die Preiserhöhungen zurück und verkündete am 1. Mai 1987 die Abkehr vom IWF-Programm. Die Auslandskredite wurden fürderhin nur noch mit höchstens zehn Prozent der Exporteinnahmen abzüglich des Devisenbedarfs von Minen, Fluglinie und Landwirtschaft bedient. Dafür nahm Sambia in Kauf, künftig von der internationalen Kredit-Pipeline abgeschnitten zu sein. Bewußt wollte man einen eigenen, unabhängigen Weg beschreiten, und das hieß: drastische Eingriffe des Staates in die Wirtschaft über Preiskontrollen und Devisenzuteilung.

Nach eineinhalb Jahren stehen die Sambier nun vor der bitteren Erkenntnis, daß es ihnen unter dem IWF-Programm nicht schlechter ging als heute. Die Preise für die wichtigsten Güter sind so niedrig festgesetzt, daß Anreize für die Produktion fehlen. Trotzdem ist das Leben teuer, weil die Inflation alle anderen Preise ständig in die Höhe treibt.

In der Nkana-Mine in Kitwe werden gerade Kupferplatten verladen. Zwei Arbeiter befestigen die Last am Haken eines Schwebekrans, der darauf zu einem Eisenbahnwaggon hinübergleitet. In einer Pause macht einer der Arbeiter seinem Zorn Luft: "Ich bringe 300 Kwacha nach Hause. Davon müssen meine Frau, fünf Kinder und ich leben. Wie soll das reichen, wenn schon ein Kilo Fleisch 60 Kwacha kostet? Das hat uns Kaunda eingebrockt. Meine Stimme bekommt er nicht." Ein Minenangestellter sagt: "Die Stimmung ist ähnlich wie vor den Unruhen Ende 1986."

Mißmut beginnt sich auch in den Kasernen einzunisten. Drei Wochen vor der Wahl wurden neun Personen, darunter sechs Offiziere, verhaftet, angeblich wegen "subversiver Aktionen". Unter ihnen ist der Botschafter Sambias in der Bundesrepublik, Christon Tembo. Er war früher Chef der Armee und weigerte sich, bei den Unruhen im Kupfergürtel Soldaten gegen die Minenarbeiter einzusetzen. Kaunda schob ihn daraufhin in die Bundesrepublik ab. Tembo machte auch in seiner Bonner Zeit kein Hehl daraus, daß er die Politik des Präsidenten für schädlich hält, daß er jedoch einen Putsch geplant habe, gilt als unwahrscheinlich. Kaunda sitze zu fest im Sattel, als daß ein solches Unternehmen derzeit Erfolg haben könnte.

Weil Kaunda merkt, daß ihm der Wind schärfer ins Gesicht weht, zieht er die Zügel straffer an. Zunächst mußten vier Mitglieder aus dem Zentralkomitee der UNIP ausscheiden, weil sie durch kritische Worte aufgefallen waren. Dann lehnte die Partei 138 Kandidaten für die Parlamentswahlen ab, darunter Abgeordnete, die in der laufenden Legislaturperiode zu ausführlich von ihrem Rederecht Gebrauch gemacht hatten. Zum härtesten Schlag holte der Staatssekretär für Verteidigung und Sicherheit, Alex Shapi, aus: Er kündigte drohend an, es werde ein leichtes sein, jene zu identifizieren, die bei der Wahl nicht für Kaunda gestimmt hätten. Zwar zog er diese Aussage am nächsten Tag zurück, doch sind nun Zweifel gesät, ob man dem Präsidenten gefahrlos das Ja verweigern kann.

Vor fünf Jahren bekam Kaunda, damals wie heute einziger Kandidat, 93 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 63 Prozent. Ein Diplomat in Lusaka hält jedes Ergebnis darunter für eine Niederlage. Es ist aber nicht ausgemacht, ob sich die allgemeine Unzufriedenheit tatsächlich an den Urnen auswirken wird. Dagegen stehen die tief verwurzelte Loyalität vieler Afrikaner zu ihrem Führer, massive Propaganda und Einschüchterungsversuche.

Spannender als der Ausgang der Wahlen ist ohnehin die Frage, was danach passieren wird. Allgemein rechnet man in Lusaka damit, daß Kaunda ein Wirtschaftsprogramm präsentieren wird, das die Vorstellungen des IWF behutsam berücksichtigt. Auch dürfte die Landwirtschaft stärker gefördert werden als bisher. Es ist höchste Zeit, denn in etwa 20 Jahren werden Sambias Kupferminen ausgebeutet sein. Bis dahin muß ein Weg gefunden werden, die Devisenausfälle zu ersetzen, sonst könnte Sambia zum schlimmsten Armenhaus Afrikas verkommen.

Ist Kaunda der richtige Mann für diese Aufgabe? "Ich habe nicht den Eindruck, als wüßte die Regierung, was wirklich im Land vorgeht", sagt ein Professor der Universität von Sambia. Tatsächlich scheint es, als interessiere Kaunda die Außenpolitik weit mehr als die Probleme.

Nach wie vor steht der Präsident in vorderster Front beim Kampf gegen das Apartheid-Regime in Südafrika. Er ist der strengste Mahner an die westliche Welt, keinen Handel mit der Burenrepublik zu treiben (obwohl die Wirtschaft seines Landes in hohem Maße von Südafrika abhängig ist). Unbeeindruckt zeigt sich Kaunda von der jüngsten diplomatischen Offensive Bothas. Anders als seine Kollegen aus Moçambique und Zaire will er sich vorerst nicht mit dem südafrikanischen Präsidenten treffen. Am Tanganjikasee sagt er: "Wir brauchen Zeit, um zu sehen, ob Botha es ernst meint." Erst müßten alle Soldaten aus Angola und Namibia abgezogen und freie Wahlen in Namibia zugelassen sein. Der Vorsitzende des Verbundes der Frontline-Staaten zu Südafrika hat aus dem Jahre 1982 gelernt, als ein Gipfel mit Botha keine Fortschritte brachte. Sollte er sich noch einmal mit ihm treffen, dann nur, "um das Ende der Apartheid zu diskutieren".

Für die Entwicklung im südlichen Afrika ist Kaunda sicherlich eine der Schlüsselfiguren, doch könnte sein Einfluß leiden, wenn es ihm nicht gelingt, sein eigenes Haus in Ordnung zu bringen.