Hilde Eisler und Freia Eisner: Adresse Karl-Marx-Allee

Von Marlies Menge

Wenn Hilde Eisler in der Ostberliner Karl-Marx-Allee einkauft oder Freia Eisner ihren Hund spazierenführt, achtet kaum jemand auf sie. Allenfalls streift Hilde Eisler manchmal ein flüchtiger Blick, weil sie eleganter ist als manche Frau in ihrem Alter. Oder jemand sieht hinter Freia Eisner her, weil sie so bedächtig Fuß vor Fuß setzt. Wie Leute, denen der Atem knapp wird. Wüßten die Leute, wer die beiden sind, sie würden sie sich genauer ansehen: Hilde Eisler war viele Jahre Chefredakteurin des magazin (die erste und lange Zeit einzige DDR-Zeitschrift mit Aktphotos); sie ist die Witwe von Gerhart Eisler, dem Bruder von Hanns Eisler – bei dem jeder in der DDR sofort hinzusetzt: der die DDR-Hymne komponiert hat. Ihr Mann Gerhart hat es bis zur höchsten Instanz des DDR-Rundfunks gebracht. Freia Eisner, schon über 80, älter als Hilde Eisler, ist die Tochter des ersten Ministerpräsidenten in Bayern, als Bayern eben republikanisch geworden war: Kurt Eisner.

Deutsche Geschichte anders erlebt

Manchmal werden die beiden in Schulen eingeladen, um aus ihrem Leben zu erzählen. Für heutige DDR-Kinder muß das, was sie erzählen, wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht klingen. Sie haben deutsche Geschichte anders erlebt als die meisten ihrer Altersgenossinnen – und manches ähnlich. Beide stammen aus jüdischem Elternhaus. Beide emigrierten in der Nazizeit. Heute wohnen sie beide in der Karl-Marx-Allee, der ehemaligen Stalinallee, nur wenige Häuser voneinander entfernt. Die Ähnlichkeit ihrer Namen führt zwar leicht zu Verwechslungen, doch wer die beiden erst kennt, verwechselt sie nicht mehr.

Hilde Eisler wirkt zerbrechlich wie eine Porzellanfigur und ist doch von eiserner Energie. Ihre ehemaligen Redakteure wissen ein Lied davon zu singen. Freia Eisner gibt sich burschikos wie ein Kerl, vielleicht, damit niemand ihre Sensibilität merkt. Immer in langen Hosen und beim Spaziergang mit dem Hund stets in Anorak und Schiebermütze.

Freia Eisner kannte ich schon länger, ohne es zu wissen. Ihr Hund war mir auf einer Ostberliner Ausstellung aufgefallen, ein Kanaaniter, der wohl einzige Israeli in der eher Israel-feindlichen DDR. Als sie ihn 1975 bei ihrer Übersiedlung aus der Bundesrepublik in die DDR (um in der Nähe ihrer Schwestern zu sein) mitbrachte, gab es denn auch Schwierigkeiten. Freia Eisner setzte sich durch. Sie sei nun mal behindert, sagte sie, brauche einen Führhund, und bei ihrer Biographie könne man ihr wohl kaum einen deutschen Schäferhund zumuten.

Hilde Eisler hat den Tisch mit einem Meißner Kaffeeservice gedeckt. Ihre Glasvitrinen sind voll mit diesem edlen Porzellan. Sie zeigt mir Zwiebelmuster aus der Biedermeierzeit: "Habe ich in den fünfziger Jahren bei meinen Reisen nach Dresden gekauft. Damals war es billig, heute kaum noch bezahlbar." Man sieht ihr die Modejournalistin immer noch an; sie trägt leuchtendblaue Ohrclips, passend zum Blau im Pullover. Ihre Brille ist lila eingefaßt.

Hilde Eisler ist in Frankfurt am Main aufgewachsen, ihr Vater war Bankkaufmann, der Großvater mütterlicherseits ein Holzbildhauer, den Baron Rothschild aus einem kleinen Ort bei Krakau an die Frankfurter Kunstakademie geholt hatte: "Er war ein gläubiger Mann, trug immer altjüdische Tracht und Stirnlocken." Hilde ging ins jüdische Lyzeum, war im jüdischen Pfadfinderbund. Es war eine schöne und behütete Kindheit, sagt sie.

Freia Eisners Kindheit war turbulenter, früh geprägt durch das politische Engagement des Vaters: "Als er noch Journalist war", erzählt sie, "Mitglied der USPD, kam er ins Gefängnis, weil er sich mit streikenden Stahlarbeitern solidarisiert hatte. Darauf wollten meine Mitschülerinnen in München nicht mehr neben mir sitzen, neben der Tochter eines ‚Landesverräters‘." Und dann fällt ihr ein: "Wir hatten in der Schule Jubelbilder zum Sieg der Deutschen in Lüttich gemalt. Ich zeigte mein Bild zu Hause stolz meinem Vater. Da fragte er mich sehr ernst, ob ich denn überhaupt nicht an die Mütter der Franzosen denke, die in Lüttich gestorben seien." Seitdem sei sie Pazifistin, sagt sie.

Kurt Eisner wurde 1919 Opfer eines Attentats – auf dem Weg zum bayerischen Landtag, wo er seinen Rücktritt bekanntgeben wollte. Für die zwölfjährige Freia muß der Tod des Vaters, an dem sie sehr hing, ein furchtbarer Schock gewesen sein. Sie bekam epileptische Anfälle und wurde nie wieder richtig gesund. Nach der Ermordung Eisners übernahm eine Räteregierung in Bayern die Macht. Bürgerkrieg brach aus. Der Zorn richtete sich auch gegen Kurt Eisners Familie. Seine Witwe floh mit den beiden Töchtern Ruth und Freia von Dorf zu Dorf, bis zu ihren Eltern nach Stuttgart und zog schließlich in den Schwarzwald.

Freia begann eine Buchbinderlehre. Doch sie fand sich im Leben nicht zurecht. Sie war ein schwieriges Kind. Sie zeigt mir ein Photo ihrer Mutter: "Sie war eine schöne Frau. Ich habe sie geliebt. Aber sie mich nicht." Mit 16 rückte Freia von zu Hause aus, zu einer Freundin der Mutter in Berlin, einer Photographin. Die machte Aktaufnahmen von Freia. Deshalb holte die Mutter sie wieder fort, steckte sie zu einem Arzt in die Praxis, damit sie Arzthelferin lernte. Freia büxte wieder aus. Ging wieder nach Berlin, übernachtete in unfertigen Neubauten, bis die Handwerker sie morgens wieder vertrieben. Oder sie ließ sich abends zum Übernachten in die Hedwigskathedrale einschließen. Ein bißchen Geld verdiente sie, indem sie Botengänge für eine photochemische Fabrik machte.

"Im Romanischen Café konnte man ewig bei einer Tasse Kaffee sitzen und Reden schwingen", erinnert sie sich genüßlich, "Kinopaläste wurden gebaut. In weichen Sesseln genossen wir die Filmwelt, lachten und weinten, je nachdem, was die Leinwand uns vorgaukelte." Sie wollte damals gern Malerin werden und sie zeichnete viel. "Einmal habe ich meine Bilder zu einer Galerie Unter den Linden gebracht, aber die wollten sie nicht. Ringelnatz war gerade da. Obwohl er ziemlich betrunken war, hielt er einen Vortrag. Und am Schluß hat er in einem Hut Geld gesammelt – nicht für sich, sondern für mich. Er hatte wohl Mitleid mit mir."

Man sagt, Wohnungen seien die dritte Haut eines Menschen. Hilde Eislers Wohnung zeigt, daß es ihrer Bewohnerin wichtig ist, sich mit schönen Dingen zu umgeben. Die Möbel, die Bilder an den Wänden, die Teppiche – Schöner Wohnen könnte es nicht vollkommener vorschlagen. Freia Eisner lebt in einem total überfüllten Zimmer. Es ist ihr zugleich Schlafzimmer, Büro, Archiv, Bibliothek, katholische Kapelle, je nach Bedürfnis. Wie lauter Versatzstücke hat sie ihre Biographie um sich versammelt: Photos vom Vater, daneben von der Mutter und dem Halbbruder, die beide im KZ Buchenwald umgekommen sind; die Regalwand mit den Büchern, die sie der jüdischen Gemeinde in Ost-Berlin vererben will; das Kruzifix der zum katholischen Glauben übergetretenen Christin. Wenn ich sie besuche, zieht sie hinterm Schreibsekretär einen Klapptisch hervor und breitet darauf ein Tuch mit den Landesgrenzen von Yorkshire aus. Sie stellt zwei Blechdosen darauf, eine mit Sandkuchen für uns, die andere mit Keksen für die schwarz-weiße Hündin Menorah, die von der großen Liege aus, den Hauptmöbel des kleinen Zimmers, alles genau beobachtet. Freia Eisner ist schwer herzkrank. Trotzdem ist ihr Kaffee so stark, daß der Löffel fast darin steht. Sie tut etwas Milch dazu, brockt den Kuchen hinein – und läßt dann alles vor lauter Erzählen kalt werden.

Flugblätter gegen die Nazis

Sie sei ein Bohemien, sagt sie stolz. Nie war sie lange fest in Lohn und Brot. Nie war sie verheiratet. Immer zigeunerte sie herum. In Wien wurde sie 18, wohnte in Baracken, zusammen mit ungarischen Flüchtlingen, verteilte in einer Notküche Suppe an die Armen. Mit 20 war sie in Paris, war kurze Zeit Hauslehrerin bei den Kindern von Freunden der Eltern, arbeitete dann in einer Buchhandlung. 1931 kam sie nach Berlin zurück, um ihr Abitur nachzuholen. "In der Schule sangen sie schon Deutschland erwache‘ und ‚Die Fahne hoch", erinnert sie sich, "da saßen auch schon welche in braunen Uniformen." 1933 machte sie Abitur in Magdeburg, danach verließ sie Deutschland und ging nach Schweden.

Hilde Eisler kam mit 18 Jahren nach Berlin und begann beim Marx-Engels-Verlag zu arbeiten: "Zuerst hatte ich Heimweh. Berlin kam mir vor wie Polen, eine ganz andere Mentalität, andere Architektur. Ich habe wenig verdient. Wenn mir ganz mies war, bin ich mit dem Doppeldeckerbus von Halensee bis zum Wittenbergplatz gefahren, habe mir von oben den Kudamm angesehen. Dann ging es mir wieder besser." Irgendwann hatte sie sich eingelebt. Berlin sei damals eine sehr lebendige Stadt gewesen, sie erinnert sich vor allem an die Kabaretts: ",Lunte’, .Katakombe’, ‚Kabarett‘ der Komiker’. Und Nachtlokale in den Seitenstraßen. Im Café ‚Plantage‘ saß man auf Kaffeesäcken, und bei Zuntz sei. Witwe gab es den billigsten Kaffee."

1933 versiegelten die Nazis den Verlag, der zum Institut für Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion gehörte. Im Auftrag des Instituts lief Hilde Eisler in die Staatsbibliothek Unter den Linden, kopierte Artikel von und über Marx, brachte sie zur sowjetischen Botschaft: "Bis der Bibliotheksdirektor es eines Tages verbot. Er möchte nicht, daß ein deutsches Mädchen sich mit marxistischer Literatur verdirbt, hat er gesagt." Hilde Eisler war so blond und blauäugig, daß niemand auf die Idee kam, sie könnte eine Jüdin sein. Sie wurde gebeten, den Verlag zu liquidieren. Also ging die Jüdin Hilde Eisler zur Gestapo in der Prinz-Albrechtstraße und sagte: "Da ist ein Siegel an der Tür, geben Sie mir zwei Ihrer Leute mit, die sollen mir helfen, die Bücher einzupacken." Mit zwei Gestapoleuten zog sie zum Verlag. "In der Halle hingen die beiden Porträts von Marx und Engels. Haben die beiden gefragt: Was sind denn das für Opas? Habe ich gesagt: Die könnt ihr nicht verhaften, die sind schon tot. Und dann haben wir zusammen die Bücher eingepackt." Sie zündet sich eine Zigarette an. Die Asche tut sie in eine kleine braune Figur, einen Gnom mit einem Loch im Kopf.

Die junge Hilde Eisler war schon Mitglied der kommunistischen Partei. Sie wurde nach Basel gerufen. Von dort wurden Flugblätter gegen die Nazis per Bahn nach Deutschland aufgegeben, und sie brachte die Gepäckscheine nach Deutschland, mit denen die Flugblätter abgeholt werden konnten. "Zwölfmal ging es gut, das dreizehnte Mal ging ich hopps, kriegte einen Prozeß wegen Hochverrats." Da der Vater aus Ostgalizien stammte, das nach dem 1. Weltkrieg polnisch geworden war, hatte sie einen polnischen Paß. Sie wurde mit anderen nach Polen abgeschoben. "In plombierten Bahnwagen wurden wir von Berlin nach Frankfurt an der Oder gebracht, dort in offene Lastwagen verladen, von den Frankfurtern mit Steinen beworfen. Ich kann die Stadt noch heute nicht leiden", sagt sie.

Verwandte halfen ihr über Prag nach Paris; sie arbeitete bei einem Sender, der nach Spanien sendete, das damals im Bürgerkrieg war. Dort lernte sie ihren Mann kennen. 1939 internierten ihn die Franzosen, sie, da sie Polin war, nicht. Sie verdiente ihr Geld nun mit allen möglichen Jobs, einmal wickelte sie Bonbons ein. Als Spanienkämpfer bekam Gerhart Eisler schließlich von den Mexikanern das von den deutschen Emigranten so heißersehnte Visum, in das auch sie als seine Verlobte eingetragen war. Über Mexiko gingen sie 1941 nach Amerika, wurden dort drei Monate auf Ellis Island inhaftiert, zusammen mit der Schriftstellerin Anna Seghers. In Amerika heirateten sie.

Freia Eisner ging von Schweden nach England. Sie dolmetschte für einen englischen Arzt, der verletzte deutsche Kriegsgefangene operierte, lehrte englische Fallschirmspringer die deutsche Sprache. 1941 trat sie zum römisch-katholischen Glauben über. "Eine Zeitlang wollte ich sogar Karmeliterin in Cambridge werden" – sie deutet auf das Kreuz an der Wand und steckt dem Hund wieder einen Keks in die Schnauze, er wedelt dankbar mit dem Schwanz.

Nach dem Krieg brachte sie in England polnisch-jüdischen Kindern, die deutsche Konzentrationslager überlebt hatten, Englisch bei. 1948 kehrte sie nach Deutschland zurück, in die damalige französische Zone, führte endlose Prozesse mit dem Lebensgefährten ihrer Mutter um den Nachlaß ihres Vaters. Sie und ihre Schwester, die Ärztin in der DDR geworden war, übergaben den Nachlaß 1959 dem Zentralen Parteiarchiv der DDR.

Gerhart Eisler wurde in Amerika erstes Opfer des "Komitees gegen unamerikanische Umtriebe": "Er sei der Boß aller Roten, hieß es, er würde direkt vom Kreml dirigiert." 1946 kam er ins Gefängnis, seine Frau zog durchs Land, von New York bis Hollywood, bat um Solidarität und sammelte Geld für die Verteidigung ihres Mannes. Als er schließlich 1949 als blinder Passagier eines Schiffes fliehen konnte, setzte man sie in Ellis Island fest. "Trotzdem", sagt sie, "wir hatten viele gute Freunde in Amerika, haben sie noch heute."

Wem die Hand geben?

Berlin war ihr fremd. Von denen, die sie gekannt hatte, war niemand mehr da. Sie hatte Platzangst: "Ich fragte mich ständig: Wem kann ich die Hand geben, wem nicht? Offiziell ist bei uns Antisemitismus und Rassismus verboten, aber schließlich gehörte auch dieser Teil des Landes zu Nazideutschland." Ihr Mann leitete das Amt für Information, später war er Vorsitzender des Staatlichen Rundfunkkomitees. Hilde Eisler fing 1954 beim magazin an. Sie hat die Zeitschrift mit aufgebaut. Ihre Augen leuchten, wenn sie von der Anfangszeit redet, von dem einen Raum in der Behrenstraße: "Den haben wir mit einem großen Eisenofen geheizt. Im Winter habe ich meinen Schreibtisch an den Ofen gerückt. Es war wie im Taubenschlag. Die Journalisten und Photographen kamen und gingen."

Berühmt geworden ist das magazin vor allem seiner Aktphotos wegen: "Die Leserbriefe drehten sich vor allem darum: Warum bilden Sie keine nackten Männer ab? Warum haben Sie den Akt in der letzten Nummer nur von hinten gezeigt?" Dabei war ihr anderes wichtiger: "Das magazin sollte auf niveauvolle Weise unterhalten, mit guten Kurzgeschichten, Photos, bildender Kunst, Mode, Film, Theater, sollte auch geschmacksbildend sein. Wir haben zum Beispiel Vorschläge gemacht, wie man eine kleine Wohnung einrichtet."

Hilde Eisler schreibt noch heute manchmal über Mode. Sie reist gern ins Ausland. Oder besucht Freunde in der DDR, meist ehemalige Emigranten wie sie. Neulich traf ich sie bei einer Veranstaltung der Ostberliner Jüdischen Gemeinde. Dorthin geht übrigens auch manchmal Freia Eisner, ungeachtet ihres Übertritts zum Katholizismus. Sobald es die Zeit der beiden erlaubt, will ich sie in meine Ostberliner Wohnung einladen. Beide zusammen. Sie sollen sich endlich kennenlernen.