Die Polizeiführung von Guatemala stellt kurz danach fest, daß Hichos Lopez lediglich wiedergegeben habe, was ihm zu Ohren gekommen sei. Beweise gebe es nicht. Innenminister Juan José Rodil spricht von einem „Stück äußerst phantasievoller Dichtung“.

Doch alle Dementis nützen nichts: Von nun an treten Hichos Lopez in Guatemala und Villeda Bermudez in Honduras wider Willen als Kronzeugen für die Baby-parts-story in der Presse auf – zuerst in lateinamerikanischen Blättern, dann schwappt die Gerüchtewelle nach Europa über: Journalisten schreiben von Journalisten ab, vom KGB (noch) keine Spur. Am 7. März erwähnt die niederländische Volkskrant die Vorwürfe, am 15. März berichtet das jugoslawische Nachrichtenmagazin Nin brandaktuell über die drei Monate alten – längst dementierten – Äußerungen von Villeda Bermudez.

Am 5. April 1987, drei Monate nach der ersten Honduras-Meldung, greift die sowjetische Parteizeitung Prawda erstmals das Thema auf. Deren Korrespondent in Mexico City trägt dick auf und fabuliert, „daß Tausende von Kindern aus Honduras in die USA geschickt worden sind, wo sie als Organspender für die Kinder reicher Familien dienten: Augen, Nieren, Herzen – kurz – alles, was für Transplantationen gebraucht werden kann, ist im Umlauf“. Für die USIA hat jetzt die sowjetische Desinformationskampagne begonnen. Noch am selben Tag verbreitet die sowjetische Nachrichtenagentur Tass den Prawda- Bericht weltweit. In Finnland, Italien, Kuba und Indien übernehmen kommunistische Blätter den Tass-Text. Die französische KP-Zeitung L’Humanité titelt am 14. April: „Kinderherzen zu verkaufen: Kinder in Honduras, Guatemala und El Salvador entführt und an geheime Labors in die Vereinigten Staaten verkauft.“

Inzwischen finden die Vorwürfe sogar ein parlamentarisches Echo. Im Mai fragen drei Europa-Abgeordnete der Regenbogen-Fraktion die EG-Kommission nach Erkenntnissen über einen Baby-Organ-Handel zwischen Lateinamerika und dem alten Kontinent. Erneut wird Villeda Bermudez aus Honduras als Zeuge angeführt, sein Dementi aber unterschlagen. Die Antwort der EG-Kommission vom 23. Juli 1987: „Die Kommission weiß nichts über irgendwelche Transplantationen in Europa, bei denen Organe lateinamerikanischer Kinder benutzt worden seien.“

Doch die Gerüchtelawine rollt weiter, die Geschichte paßt zu gut in die von Kolonialismus und Ausbeutung geprägten Ansichten über die Beziehung der Industrieländer zur Dritten Welt. Am 10. September 1987 macht die in der Uno-Stadt Genf erscheinende Wochenzeitung Geneva home informations mit der Meldung auf: „Kinderhandel – Organe zu verkaufen!“ Jetzt sind es bereits „Mästhäuser“, die in Honduras ausgehoben worden seien, und in denen man Kinder „aufgepäppelt“ habe, „wie Hans und Gretel“. Angebliche Quelle: Leonardo Villeda Bermudez. Ähnliches weiß das Wochenblatt auch aus Guatemala zu berichten; Kronzeuge ist hier der Polizist Hichos Lopez, obwohl der ebenfalls seine Anfang Februar gemachten Äußerungen längst zurückgenommen hat. Jetzt wird er mit den Worten zitiert: „Seit einem Jahr werden Kinder in die Vereinigten Staaten exportiert. Ihre Organe werden reichen nordamerikanischen Kindern eingepflanzt, um deren Leben zu retten.“

In Guatemala werden die Vertreter der US-Botschaft alarmiert. Noch einmal sprechen sie Hichos Lopez auf die ihm zugeschriebenen Äußerungen an. Dieser dementiert am 28. Oktober erneut: „Zu keiner Zeit habe ich derart skandalöse und kompromittierende Erklärungen abgegeben.“ Die USI-A-Zentrale telegraphiert das Dementi sogleich an die US-Botschaften in aller Welt mit der Bitte, die „weltweite Desinformationskampagne“ zu stoppen. Vergeblich.

Zwischen Januar 1987 und August 1988 erscheinen mehr als hundert Baby-Organhandel-Tatsachenberichte in Presse, Funk und Fernsehen, in Bangladesch ebenso wie in Kanada, Norwegen, Argentinien, Marokko, der Dominikanischen Republik, den Niederlanden, afrikanischen und osteuropäischen Staaten sowie in der Bundesrepublik. Kein einziger enthält überprüfte Fakten; alle kolportieren nur Behauptungen und unterschlagen Dementis. Offenbar ist die Story viel zu gut, um nicht wahr zu sein.