"Faust" von Dieter Dorn

Kaum war die fünfstündige "Faust"-Aufführung an den Münchner Kammerspielen herum, da wußte man auch schon, daß sie um einiges zu lang war. Nun, nach drei Stunden Film: das gleiche Gefühl. Dieter Dorn, der Regisseur und Intendant am Theater, drehte erstmals einen Kinofilm, aber es wurde kein Kino, kein Film und kein Beleg für die Schönheit des Theaters draus.

Wir sehen ohne Pause jenen schmalen, drückend niedrigen Spielkasten in Schwefelgelb, den Jürgen Rose in die Kammerspielbühne hineingeschachtelt hatte und worin der "Faust" wie ein Puppenspiel sich abhaspelt. Gernot Rolls Kamera turnt kreuz und quer über die "Bühne", um nur ja jede Theatralisierung zu konterkarieren. Sie schießt von unten und von oben, von nah vorne rechts wie von schräg hinten links, haut Nahaufnahme gegen Totale und zieht uns, wenn’s grad beliebt, den Boden ganz weg oder kippt ihn in stürzende Ecken und Schrägen, als wären wir zu Gast bei Caligari.

Es ist aber nur der Dr. Heinz Faust, ein, wie uns Helmut Griem zu verstehen gibt, abgebrochner Lehrer an der Volkshochschule (mit ein paar Kursen Esoterik), ein Schlurf auf dem Weg zum muffigen Penner. Und weil eh schon alles wurscht und kalter Kaffee ist (den er sich, die Hände am Pott erwärmend, tattrig wie ein Einsiedel, aufbrüht), und Weil sich obendrein der putzige, leibhaftig an ihm hochhüpfende Pudel nach kurzem, bengalischem Knattern zum ebenso zottigen wie zotigen Teufel mausert, so läßt sich, logo, unser Faust mit ihm drauf ein, vor seinem Abstinken zuerst noch irgendwas aufzureißen. Wozu ihm das Gretchen grad recht kommt. Das weitere ist ja bekannt. War die Theateraufführung im vorigen Jahr als gedankenblaß kreißender Berg (ohne innere Maus) erschienen, hatte man sich doch noch am Spectaculum gaudieren können. Aber feuerspeiende Teufelshandschuhe, Flammenkreise auf den Bühnenbrettern und Max Kellers wunderbare Licht-Spiele kommen im Film entweder nicht zur Geltung oder sie sehen wie Pipikram aus (gemessen an "Carrie" und allen "Unendlichen Geschichten") – sogar gemessen an Gründgens’ "Faust", der seit drei Jahrzehnten allsonntags vor dem Mittagessen in einem Münchner Kino läuft und mit seiner komödiantischen Ernsthaftigkeit weit stärker in Bann schlägt als dieser hier samt Romuald Pekny, Sunnyi Melles und Cornelia Froboess. Sonderbar: Obwohl Gründgens stets die Bühenbauten zeigt, den Vorhang, die Kulissen und die Schminke, vergißt man bei ihm das "Theater" zugunsten eines fesselnden Stückes, während Dorns Künstlichkeiten und breit ausgespielte Einfälle ständig auf etwas Theatralisches verweisen, das nie eingelöst wird.

"Faust – der Film"? Wohl eher "das Zelluloid" (trotz des Anachronismus). Oder "Faust – die Pappe". Michael Skasa

"Der Blob" von Chuck Russell

Der Verdauungsschlaf der Schreiberzunft gebiert Ungeheuer. Nach einer Schweinshaxn könnte das nicht passieren. Ein Blob kann nur im Sumpf des Synthetischen gedeihen, im Glauben an die künstliche Herstellung organischer Materie. Der wuchernde Schleim ist die Ausgeburt von keimfreien Obsessionen und Schmelzkäse. Daß der Blob also eine amerikanische Erfindung sein muß, nimmt Chuck Russell ganz wörtlich. Aus den außerirdischen Wesen des Originals von 1958 macht er den abgestürzten Satelliten eines Experiments zur biologischen Kriegsführung, aus dem Krieg der Welten wird ein Vertuschungskampf der Armee gegen die Bürger des eigenen Landes. "Der Blob" hat gute Chancen, ein Klassiker der Americana zu werden. Wo bei David Cronenberg die Beschäftigung mit dem Organischen und Synthetischen ganz nach innen zielt, veräußerlicht Russell diese Zwangsvorstellungen vollkommen. Das ist die logische Konsequenz der amerikanischen Küche: Die Killerburger schlagen zurück.