Einen mittelgroßen Katalog erfordert die künstlerische Ausbeute eines Sommers bei Georg Baselitz. Und manche solcher Kataloge haben wir schon gesehen und werden sie auch weiter sehen, denn wir wünschen Baselitz, dessen 50. Geburtstag in diesem Jahr festlich in seinem Schloß Derneburg begangen wurde, ein langes, weiterhin fruchtbares Leben. Einen mittelgroßen Katalog erfordert das Lebenswerk des Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke, der zu Lebzeiten nie im Mittelpunkt eines wie auch immer gearteten Kunstbetriebs stand, bei dessen Tod im Jahre 1977 Joseph Beuys aber einen Nachruf in dieser Zeitung schrieb. Arthur Köpcke wurde 49 Jahre alt. Und nur der Zuneigung einiger weniger Freunde und Sammler und dem Insistieren von René Block, dem früheren Galeristen und jetzigen Ausstellungsleiter des DAAD Berlin, ist es zu verdanken, daß es diesen Katalog und die dazugehörige Ausstellung gibt, die Anfang des Jahres in Berlin ihre Premiere hatte und nun auf ihrer letzten Station in Kiel zu sehen ist (weiter kam Arthur, in Dänemark dann Addi, Köpcke an seine Heimatstadt Hamburg nicht heran).

Zwei Räume und ein Flur des Neubaus der Kieler Kunsthalle reichen aus für 104 meist kleinformatige Bilder, Collagen und Objekte, die alle eins gemeinsam haben: sie verwirren den Betrachter gründlich und somit auf das Schönste. Addi Kopeke, der 1953 das, wie er fand, durch den Wiederaufbau dopppelt zerstörte Hamburg verließ und nach Kopenhagen ging, fing in den fünfziger Jahren an, freundlich verspielte Collagen zusammenzusetzen und zarte Aquarelle über das Papier laufen zu lassen. Mindestens so wichtig wie die eigene Arbeit waren ihm aber die Aktivität der Künstler-Freunde und die Möglichkeit, mit ihnen gemeinsam das Publikum zu bewegen und zu verwirren, es aus seiner Rolle des Taubstummen zu befreien und ihm Mut zu machen zur Entdeckung des Sinns im Unsinn (frei nach einem Wort von Kurt Schwitters). Von 1958 bis 1963 hatte Köpcke eine kleine Galerie, in der natürlich keine Geschäfte gemacht, sondern Feste gefeiert und gemeinsame Auftritte geplant wurden. So zum Beispiel der große Fluxus-Zyklus 1962 in der Nikolai-Kirche von Kopenhagen (sechs Abende bei vollem Haus), an dem die Performance-Künstler und Musiker Alison Knowles, Robert Filliou, Emmett Williams, Dick Higgins und George Maciunas teilnahmen. Oder ein Jahr später der Auftritt an der Düsseldorfer Akademie, an dem auch Joseph Beuys, Daniel Spoerri, Nam June Paik und Wolf Vostell beteiligt waren.

Köpcke brachte Kopenhagen auf die Landkarte der Happening- und Fluxus-Bewegung. Aber natürlich spiegelte sich in seiner Arbeit auch die Begegnung mit der dänischen Kunstszene wieder. Von den Cobra-Malern um Asger Jörn kommt der expressive Malgestus, der die Bilder der späten, fünfziger Jahre in stürmische Bewegung bringt, und selbst auf den Collagen der frühen sechziger Jahre tropfen gelegentlich die dicken Farbrinnsale über Zeitungsausschnitte und Photos und Mini-Sperrmüll.

Hatte Köpcke zunächst, ähnlich wie Kurt Schwitters, die Textbeiträge auf seine Collagen dem Zufall der Funde von Gedrucktem überlassen (hier eine Zigarettenbanderole, dort ein Etikett oder eine Zahnpastatube), so fing er eines Tages an, seine Arbeiten selber vollzuschreiben, oder besser: vollzufragen. "What’s the time? What’s behind you? How much money do you have? Try to smile" kritzelte er über sein "Action Piece (Stern)", und für jedes der dann von ihm selbst so genannten Rebus-Bilder, in denen ein wunderbares Chaos aus Bildern, Buchstaben, Wörtern und Zahlen herrscht, gilt als Motto: "Fill with your own imagination".

Köpcke war, eine contradictio in adiecto, ein anarchisch-phantastischer Lehrer, der die Leute nicht mit einer Botschaft verschließen, sondern sie für das fluktuierende Denken und Träumen öffnen wollte. "Reading work pieces" nannte er eine Reihe von am Ende 129 Arbeiten, deren erste eine Mischung aus visueller Poesie und Gebrauchsanweisungen für Happenings sind. Wie die aufrollbaren Lehrkarten, die früher im Geographie- und Biologie-Unterricht an der Wand hingen, funktionieren andere dieser "pieces", auf deren weißen Untergrund kleine quadratische Illustriertenausschnitte geklebt sind – in die freigelassenen Felder kann man, wie beim Bilder-Lotto, die vorhandenen oder neue Kärtchen hineinlegen oder sie einfach als Freiraum für die eigene Phantasie benutzen. Hier ein Stück Hand, dort ein Fetzen Wiese, hier ein Pferd am Meer, dort ein angeschnittener Autoreifen, hier ein Stück Mode, dort etwas Unidentifizierbares – "Fill with your own imagination"! Dann wieder malt und zeichnet Köpcke alles selbst, schachtelt Zahlenreihen, Pin-ups, Sätze und ein paar Gebrauchsgegenstände in ein großes Bild, das wie eine Mischung aus Telephonunterlage und Graffiti-Wand aussieht.

Auf fast allen Arbeiten von Köpcke steht unten ein "continue" – bitte fortsetzen oder: Fortsetzung folgt. Nie war für ihn das letzte Wort gesprochen, das letzte Bild collagiert, nie gab er vor, genau zu wissen, wo’s denn lang geht, hat aber deshalb auch nicht sein Publikum mit dem Elend der Welt und der Fragwürdigkeit des Daseins bombardiert. "Man kann ja nie wissen": Der Satz, den Kurt Schwitters auf seinen Grabstein schreiben ließ, hätte auch von Addi Köpcke stammen können. Und Kur Schwitters, der Köpcke noch als Jung-Dadaist hätte begrüßen können, wenn der Krieg nicht beider Leben so brutal verletzt hätte, hätte natürlich sofort die Maxime unterschrieben, die Köpcke programmatisch dick auf eines seiner Bilder schrieb: "People ask; why? I answer: why not?!?!?!" (Kunsthalle bis zum 16.11.; Katalog 25 Mark)

Petra Kipphoff