Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im Oktober

Die DDR-Autobahn in Richtung Norden war fast leer. Im Autoradio dudelte Musik, unterbrochen von Nachrichten. Kohls Moskau-Besuch rangierte im DDR-Sender unter "ferner liefen". Bei der mecklenburgischen Freundin kamen wir auf die Visite des Kanzlers zu sprechen und was man in der DDR davon halte. "Merkt ihr eure Arroganz gar nicht?" entrüstete sie sich, "ihr tut ja immer noch so, als würde die DDR per Knopfdruck aus Moskau regiert." Und nachdenklich setzte sie hinzu: "Im Augenblick wären wir ja ganz froh, wenn es so wäre. Dann hätten wir vielleicht ein bißchen mehr Perestrojka und Glasnost."

Ich erzählte ihr, Gorbatschow habe in seinem Spiegel-Interview gesagt, bei der Umgestaltung ginge es nicht um "Maler- und Tapezierarbeiten, sondern um eine gründliche Rekonstruktion des Hauses, in dem wir leben", dabei offenkundig auf das vielbemühte Zitat des DDR-Politbüromitglieds Kurt Hager anspielend, daß die DDR nicht tapezieren müsse, nur weil dies der Nachbar tue. Es amüsiere sie, sagte sie, wie heftig wir Westdeutschen uns für Perestrojka engagierten. Mir fiel die bittere Bemerkung eines Ostberliner Bekannten ein, Gorbatschow ermögliche den Westdeutschen, endlich wieder einmal von Herzen Anti-DDR zu sein: "Bis jetzt waren doch die Russen für euch immer noch so was wie Untermenschen, das Erbe von Hitlers Propaganda. Und nun können die aus der DDR nicht mal das, was diese Untermenschen können!" Ob sie im Betrieb über Kohl in Moskau geredet hätten, fragte ich die Freundin. "Nein. Warum denn auch? Was soll uns das schon bringen? Die Wiedervereinigung, von der eure Politiker immer noch reden? Das glaubst Du doch selbst nicht." Und dann schimpfte sie darüber, daß ihre Waschmaschine immer noch nicht repariert sei.

Es wurde schon immer gemeckert in der DDR. Aber vorher tat man es mit einer gewissen Lust, man ließ Dampf ab. Heute ist man nur noch mißmutig, nörgelig, resigniert. Das hat seine guten Gründe. Täglich erfahren DDR-Bürger durch westliche Medien von den Veränderungen in anderen sozialistischen Ländern, in der Sowjetunion, in Polen, in Ungarn. Im Vergleich dazu muß ihnen der eigene Staat starr und unbeweglich vorkommen. Da hilft auch das viele Gold und Silber von Seoul nichts, nicht die dreimillionste Wohnung, die Erich Honecker persönlich übergeben hat, nicht der mit zielstrebigem Pomp gefeierte 175. Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht.

Am deutlichsten sind noch Veränderungen im deutsch-deutschen Miteinander zu beobachten. Rund 40 Städtepartnerschaften wurden geschlossen. Das Kulturabkommen führte zu fast inflationärem Austausch von Theaterinszenierungen, Konzerten, Ausstellungen. Ein Buch des ehemaligen Ständigen Vertreters der Bundesrepublik in der DDR, Günter Gaus, ist in der DDR erschienen. Thomas Brasch, der die DDR verließ, weil er dort nicht gedruckt wurde, hat die Aufführung eines seiner Stücke in Schwerin erlebt und hat vor kurzem in Ost-Berlin gelesen.

Nie zuvor durften so viele DDR-Bürger, die noch nicht Rentner sind, zu Familienbesuchen in die Bundesrepublik reisen wie in diesem Jahr. Doch die großzügigen Reisemöglichkeiten bringen auch neue Probleme für die DDR. Früher hieß es bei uns: Sobald die Leute mehr reisen dürfen, werden sie nicht mehr ausreisen. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Die Zahl der Ausreiseanträge steigt. Täglich berichten Zeitungen außerdem von Menschen, die durch Ostsee, Elbe und Saale geschwommen, durch die Werra gewatet und über die Mauer geklettert sind, um aus der DDR in den Westen zu gelangen.